Bestandsentwicklung

Bündelung von Wissen, Ideen und Interessen

Der Tagebau Hambach hat ein tiefes Loch in der Erde hinterlassen. Es hat Jahrzehnte gedauert, die Kohle abzubauen und es wird Jahrzehnte dauern, die Landschaft zu restrukturieren. Ein See soll entstehen, das steht fest. Und was noch? Visionen sind gefragt, Ideen, Wissen und ein gemeinsamer Wille, das Beste für die Region zu entwickeln. Deshalb haben sich die sechs Anrainerkommunen Elsdorf, Jülich, Kerpen, Merzenich, Niederzier und Titz zusammengeschlossen und die Gesellschaft NEULAND HAMBACH gegründet. Hier arbeiten sechs Strukturwandelmanagerinnen und -manager und planen gemeinsam für die Zeit nach dem Tagebau.

Bianca Hohn
© NEULAND HAMBACH

Unterschiedliche Erwartungen

„Die räumliche Dimension des Tagebaus ist eine noch nie dagewesene Situation und ebenso eine planerische Herausforderung, an der wir gemeinsam in der Region und mit der Region arbeiten“, sagt Bianca Hohn. Der Tagebau hat die gesamte Region geprägt. Nun gehe es darum, der Region und den Menschen etwas zurückzugeben, gekappte Verbindungen wiederherzustellen und Dinge neu zu vernetzen, so die Geografin und Raumplanerin. Eines der Projekte ist der so genannte Hambach-Loop. „Dabei handelt es sich um einen Radrundweg, der in Form einer Acht um die Sophienhöhe und die Tagebaugrube verlaufen wird und so die sechs Anrainerkommunen wieder miteinander verbindet.“ Bei allen Planungen müssen verschiedenen Aspekte von Klimaschutz und Renaturierung, Infrastruktur, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Perspektiven sowie die Interessen der Menschen vor Ort berücksichtigt werden. „Aus den unterschiedlichen Erwartungen soll die ‚Gegend aller Erwartungen‘ entstehen.“

Lieblingsplatz im Revier: Die Wegegabelung am nördlichen Ortseingang der Ortschaft Morschenich-Alt: Nach Norden öffnet sich der Blick auf die Sophienhöhe und die Tagebaugrube und nach Süden auf die Ortschaft Morschenich-Alt, den „Ort der Zukunft“.

Marie Schuler
© NEULAND HAMBACH

Eine der größten Baustellen

Unterstützen, weiterentwickeln, initiieren, begleiten, zusammenarbeiten, planen, organisieren – ihre Arbeit ist vielfältig. „Der Strukturwandel ist eine sehr komplexe Aufgabe“, sagt Marie Schuler. Um dieser gerecht zu werden, müssen die verschiedenen Aspekte von Klimaschutz und Renaturierung, Infrastruktur, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Perspektiven sowie den Interessen der Menschen vor Ort berücksichtigt werden. „Ich habe ein Freiwilliges Jahr in der Lausitz absolviert und konnte dort den Strukturwandel und den Beginn der Tagebauflutungen hautnah miterleben“, so die Architektin. Dabei habe sie beeindruckt, wie sich diese Entwicklung auf Landschaft und Bevölkerung ausgewirkt hat. Erfahrungen, auf denen sie aufbauen kann. „Das Rheinische Revier ist eine der größten Baustellen Europas und stellt uns alle oft vor noch nie dagewesene Frage- und Problemstellungen“, sagt Schuler. „Diese zu lösen, ist eine spannende Aufgabe und ist nur gemeinsam zu bewältigen.“

Lieblingsplatz im Revier: Das Höller Horn auf der Sophienhöhe. Von hier aus hat man einen tollen Ausblick und kann gut erleben, wie die Natur den Ort in ihrem eigenen Tempo zurückerobert.

© NEULAND HAMBACH

Landschaften analysiert

Wie tiefgreifend sich die Ausbeutung der Natur auf Landschaften auswirkt, davon hat sich Matti Wirth in den USA ein Bild gemacht. „Dort habe ich mir die entleerte Detroit-Stadtregion angeschaut, bankrotte Landschaften in einem Teil Floridas analysiert und eine Masterarbeit über Wasserknappheit in Central Arizona mit neuen Raummodellen verfasst“, sagt der promovierte Architekt. In allen drei Regionen könne der Degradierungsprozess nachvollzogen werden. Bei NEULAND HAMBACH arbeitet er im Bereich Regional Design. „Das bedeutet, mit vielen Beteiligten Pläne im regionalen Maßstab zu entwickeln, die zwar informellen Status haben, aber an der Schnittstelle zu formalen Planungen wirksam werden sollen.“ Hier gehe es letztlich um alle raumrelevanten Themen, wie unter andrem Freiraumgestaltung, Verkehrsinfrastrukturen, Siedlungsentwicklung, Wassermanagement, Energieproduktion und vieles mehr. Die zerstörten Landschaften haben bei Wirth einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. „Mir ist es heute eine Ehre, gemeinsam an der Zukunft einer Region zu arbeiten, wo das nicht passieren soll – dem Rheinischen Revier!“

Hambach ist ein Ortsteil von Niederzier im Kreis Düren. Hier befindet sich ein Jagdschloss der Jülicher Herzöge und das Rittergut Burg Obbendorf. Bekannt ist Hambach aber vor allem wegen des Tagebaus, der größten Braunkohlegrube Europas. 1974 leitet die Firma Rheinbraun das Genehmigungsverfahren für den Abbau ein.

1978 begann der Aufschluss. Der Hambacher Forst wurde weitgehend gerodet, Ortschaften mussten weichen, Siedlungen mit jahrhundertelanger Geschichte wurden zerstört. Mit dem Abraum entstand unter andrem die Sophienhöhe, eine inzwischen bewaldete Abraumhalde in der Nähe von Jülich. Die höchste Stelle dort liegt etwa 302 Meter über dem Meeresspiegel. Der tiefste Punkt des Hambacher Tagebaus liegt 299 Meter darunter.

Wenn in Hambach der Tagebau weitgehend abgeschlossen ist, soll er geflutet werden. Es wird Jahrzehnte dauern, bis das riesige Loch mit Wasser gefüllt sein wird. Der See Hambach wäre dann der tiefste und nach dem Bodensee der zweitgrößte See Deutschlands.

 

Der vorgezogene Ausstieg aus der Braunkohle stellt das Rheinische Revier vor große Herausforderungen. Die Strukturwandelmanagerinnen und -manager begleiten in den Kommunen die Weiterentwicklung der Region und unterstützen bei der Entwicklung, Qualifizierung und Umsetzung von Förderprojekten. Dabei stehen sie miteinander in engem Austausch, um eine abgestimmte Entwicklung der Region zu gewährleisten. Die geförderten Stellen sind Teil des „Entlastungspakets Kernrevier“ des Landes Nordrhein-Westfalen.

Weitere Projekte

Steckbrief

Kontakt

Bianca Hohn
Strukturwandelmanagerin NEULAND HAMBACH

Marie Schuler
Strukturwandelmanagerin NEULAND HAMBACH

Dr. Matti Wirth
Strukturwandelmanager NEULAND HAMBACH

Romina Sauer
Strukturwandelmanagerin NEULAND HAMBACH

Claudia Barone
Strukturwandelmanagerin NEULAND HAMBACH

Christina Brincker
Strukturwandelmanagerin NEULAND HAMBACH