Kalorienfreier Zucker aus Elsdorf

„Genuss ohne Reue“, das verspricht Timo Koch, Geschäftsführer von SAVANNA Ingredients. Das Elsdorfer Start-up stellt kalorienfreien Zucker her. Das Traditionsunternehmen Pfeifer & Langen hat bis zur Schließung der Zuckerfabrik aus Zuckerrüben klassischen Haushaltszucker hergestellt und forscht heute an neuen Zuckerformen. Moderator Torsten Knippertz im Gespräch Timo Koch und Julia Seemann,  Projektingenieurin im Mutterkonzern Pfeifer & Langen.

© Projektträger Jülich

Julia Seemann erklärt das Geheimnis des kalorienfreien Schlemmens: Allulose. Das ist eine Zuckerart, die genau wie Fructose in der Natur vorkommt, aber im Stoffwechselprozess nicht in Energie umgewandelt wird und daher keine Kalorien hat. „Im Gegensatz zu vielen Zuckerersatzstoffen hat er die gleichen Eigenschaften beim Kochen und Backen wie klassischer Zucker“, so Seemann.

Aber schmeckt er auch genauso? Das testet Torsten Knippertz live im Studio anhand der mitgebrachten Kostproben: „Wow, die Sachen schmecken einfach“, so sein Urteil. Das ist auch für Timo Koch entscheidend: „Von Konsumenten kalorienreduzierter Lebensmittel höre ich oft: Kaufe ich einmal oder würde ich nehmen, um die Kalorien zu sparen, aber schmecken tut es nicht. Und bei Lebensmitteln geht es doch um Genuss.“ Er hat sich daher gedacht, warum nicht Genuss und gesund kombinieren? Genau das tut der kalorienfreie Zucker aus Elsdorf.

Knippertz jedenfalls ist überzeugt und kann es kaum erwarten, bis der Zucker auch in Europa auf den Markt kommt.

Knippertz: Dann würde ich sagen, stoßen wir doch jetzt mal an! Prost! Mit Limonade.

Seemann: Prost!

Knippertz: Da darf man schlürfen. Krass. Ist da wirklich nichts Anderes reingefüllt? Das schmeckt wie viele andere Orangenlimonaden, die komplett gesüßt sind.

Knippertz: Das heißt er liefert keine Energie.

Koch: Liefert keine Energie und damit hat er eben auch keine Kalorien.

Ton: Musik

Knippertz: Hi und Hallo, herzlich willkommen zu den „Revier.Geschichten“. Mein Name ist Thorsten Knippertz und heute wollen wir über ein Thema sprechen, das wahrscheinlich kaum jemand als erstes mit dem Rheinischen Revier in Verbindung bringen würde, auf das ich mich aber total freue und das tatsächlich Potenzial hat, die Gesundheit der – Achtung! – gesamten Menschheit zu beeinflussen. Denn es geht um Zucker, und zwar um Zucker ohne Kalorien. Nee, da haben Sie sich, da habt Ihr Euch jetzt nicht verhört, in Elsdorf wird genau daran geforscht. Und alles, was noch fehlt, damit man diesen kalorienfreien Zucker einkaufen kann, ist ein Zertifikat der EU. Wenn sonst nichts ist. Was genau dahinter steckt, das bespreche ich heute mit – und auch das ist eine Premiere – gleich mit zwei Menschen. Mit Julia Seemann, sie ist Projektleiterin für die Produktentwicklung Zucker bei Pfeifer und Langen in Elsdorf. Schönen guten Tag, hi!

Seemann: Hi.

Knippertz: Und mit Dr. Timo Koch, Geschäftsführer von Savanna Ingredients. Das ist eine Start-up-Ausgründung von Pfeifer und Langen, ebenfalls in Elsdorf. Hallo!

Koch: Hallo.

Knippertz: Ja, schön, dass Sie da sind. Wir werden später auf diesen kalorienfreien Zucker noch zu sprechen kommen, werden das vielleicht aber schon mal ganz kurz anreißen. Frau Seemann, erklären Sie uns doch mal, was es mit Pfeifer und Langen und der Zuckerfabrik in Elsdorf auf sich hat. Also im Rheinischen Revier – ich erinnere mich früher Zuckerrübenfelder, da habe ich mal die eine oder andere auch mal rausgenommen und geklaut und habe mich gewundert, dass die pur, roh nicht so ganz genießbar ist –, wie lange geht diese Tradition der Zuckerrübenfelder zurück?

Seemann: Bei Pfeifer und Langen jetzt schon seit über 150 Jahren produzieren wir aus den Zuckerrüben normalen Zucker, also den Haushaltzucker, die Saccharose, den wir alle kennen. Und daraus haben wir bei uns im Innovation Center, bei Pfeifer und Langen in Elsdorf – der älteste Standort von Pfeifer und Langen auch, also mit sehr viel Tradition und Historie belegt – haben wir einen Zucker entwickelt, der kalorienfrei ist.

Knippertz: Wahnsinn! Dazu später auf jeden Fall mehr. Zuckerrübensirup muss ich auch immer direkt drandenken. Wunderbar, lecker, lecker! Herr Koch, worum geht es denn bei diesem Projekt? Vielleicht nur schon mal kurz angerissen, bevor wir auch über Sie beide persönlich sprechen.

Koch: Ja, wir haben zwei Projekte. Das eine Projekt ist der Food Campus in Elsdorf. Da ist es für uns einfach auch ein persönliches Anliegen, den Standort der alten Zuckerfabrik wieder mit neuem Leben zu füllen. Einerseits arbeiten wir daran, den kalorienfreien Zucker dort zu produzieren und dort auch eine Fabrikation jetzt ans Laufen zu bringen. Und andererseits wollen wir eben auch Raum schaffen, um weitere, ich sage mal, Herstellungsverfahren für Lebensmittel dort an den Standort zu bringen, um wieder Arbeitsplätze zu schaffen und direkt am Tagebau Hambach in Elsdorf sozusagen einen Food Campus ins Leben zu rufen.

Knippertz: Und damit sind wir dann mitten im Rheinischen Revier, dazu, wie gesagt, später mehr. Jetzt erst mal zu Ihnen persönlich. Ich fange mal mit Ihnen an, Herr Koch. Sie haben an der RWTH in Aachen studiert, sind Chemiker. Bitte gerne reingrätschen wenn irgendetwas nicht stimmt. Aber Sie kommen auch aus einer Zuckerrüben-Familie, wenn man das so sagen darf, und arbeiten immer noch auf dem elterlichen Hof, oder?

Koch: Ja, kann und darf man so sagen. Das ist vielleicht die ursprüngliche Verbindung, die ich zu dem Thema hatte und noch habe. Ja, wir haben einen kleinen Bauernhof in Elsdorf, da werden auch immer noch Zuckerrüben angebaut, auch in diesem Jahr. Und die liefern wir dann an Pfeifer und Langen und die werden dort zu ganz normalem Zucker weiterverarbeitet.

Knippertz: Und so sind Sie dann auch Geschäftsführer von Savanna Ingredients geworden, oder wie sind Sie an den Job dann da gekommen?

Koch: Na ja, es gab noch zwei, drei Schritte dazwischen, muss ich zugeben. Ich habe erst mal ganz klassisch in der Zuckerfabrik angefangen. Ich fand das spannend. Ich hatte Chemie studiert, war aber eher so auf der Ingenieur-Schiene unterwegs und durfte dann bei Pfeifer und Langen in der Produktion beginnen. Habe dort ja einiges kennengelernt, wie man ganz normalen Zucker herstellt, das war schon mal super spannend, und durfte mich dann damit beschäftigen, was kann man denn aus Zucker alles sonst noch so Tolles machen. Und unter anderem, da viele Kunden eben nachgefragt haben nach Produkten, die weniger Kalorien oder gar keine haben, war dann die Aufgabe, gibt es nicht eine Möglichkeit, wie wir auch unseren Zucker in einen anderen Zucker umwandeln, der keine hat. Und so bin ich Stück für Stück ans Thema gekommen und bin bis heute da kleben geblieben.

Knippertz: Ja, ist… „Kleben geblieben“ – genau, passend zum Thema auf jeden Fall. Ich freue mich über dieses Thema so, weil ich selber Zucker-Fan bin. Also ich kann Süßigkeiten verdrücken ohne Ende. Mag aber auch gerne Cola Light zum Beispiel, ist eines meiner Lieblings-Getränke. Also vielleicht auch später dazu noch ein paar Tipps von Ihnen. Aber jetzt erst mal zu Ihnen, Frau Seemann, auch Sie haben ja an der RWTH Aachen studiert – Gemeinsamkeit mit Herrn Koch. Aber Bergbau?

Seemann: Genau. Genau. Ich war etwas weiter entfernt von der Zuckerfabrik, aber auch nicht weit, im Tagebau Hambach sehr viel während meines Studiums. Und ja, ich war erst mal… bin vom Loch wieder raus zu den Zuckerrüben dann gegangen.

Knippertz: Auf den ersten Blick erst mal ungewöhnlich. Warum haben Sie Bergbau studiert?

Seemann: Ich muss sagen, ich war total begeistert von Schaufelradbaggern. Von den riesen Maschinen im Tagebau war ich total begeistert und habe gedacht, das ist gut und ich habe auch ein Talent, gerne was kaputt zu machen. Da ist beim Schaufelradbagger… fällt es nicht auf und deswegen war das genau mein Studium.

Knippertz: Da haben wir eine Gemeinsamkeit, auf jeden Fall. Aber diese Schaufelradbagger, die sind ja auch faszinierend.

Seemann: Ja.

Knippertz: Aber wieso dann vom Schaufelradbagger, vom Bergbau, zum Zucker? Also ich kenn Salzbergwerke. Zuckerbergwerke gibt es, glaube ich, nicht.

Seemann: Nein.

Knippertz: Wieso dann der Wechsel?

Seemann: Durch den Strukturwandel natürlich auch war irgendwann nach dem Studium auch absehbar, dass gerade die Braunkohle keine Zukunft hat. Auch die Steinkohle wurde ja immer sukzessive zurückgefahren und dann war halt irgendwann Feierabend. Und dann habe ich mir etwas Neues überlegt. Und dann habe ich gedacht, warum nicht die Lebensmittelindustrie.

Knippertz: Und warum die Lebensmittelindustrie? Sind Sie selbst auch Zucker-Fan, oder?

Seemann: Ja, ich nasche unheimlich gerne, muss ich ehrlich sagen. Also alles, was an Süßigkeiten oder so etwas ist, da bin ich ganz vorne mit dabei.

Knippertz: Was ist die Lieblingssüßigkeit? Achso, „Kurz und knackig“ haben wir später noch. Aber ich frage trotzdem schon mal.

Seemann: Ja, ich bin auch so ein Gummibärchen-, Fruchtgummi-Fan. Absolut, da geht alles.

Knippertz: Herr Koch?

Koch: Kinderschokolade. – Sorry.

Knippertz: Es gibt auch noch tolle andere Schokoladen. Von Rittersport, von Milka und wahrscheinlich auch demnächst welche – oder gibt es vielleicht auch schon – mit Zucker ohne Kalorien. Aber dazu später… ich sage es die ganze Zeit, dazu später mehr, weil ich mich so darauf freue.

Knippertz: Musik

Knippertz: Machen wir doch direkt mal „Kurz und knackig“. Das ist unsere Rubrik, in der man kurze Antworten auf drei ganz persönliche Fragen geben soll. Wenn wir schon mal dabei sind, dann fangen wir mit Ihnen mal an, Frau Seemann. Sind Sie bereit?

Seemann: Ja.

Knippertz: Ihr liebstes rheinisches Ausflugsziel?

Seemann: Die Sophienhöhe.

Knippertz: Warum?

Seemann: Weil ich es bemerkenswert finde, was man aus Abraum, der aus dem Tagebau Hambach aufgeschüttet worden ist, alles machen kann. Das ist jetzt ein schönes kleines Naherholungsgebiet für die Bewohner drum herum. Und ich finde, das ist ganz toll gelungen.

Knippertz: Herr Koch, Ihr liebstes Ausflugsziel?

Koch: Jetzt doppelt es sich. Für mich ist es auch die Sophienhöhe, aber es ist für mich einfach ein toller Ort für Naherholung.

Knippertz: Das liebste rheinische Gericht? Diesmal Herr Koch, zuerst.

Koch: Reibekuchen mit Rübenkraut.

Knippertz: Mmhhh…

Seemann: Da bin ich ganz, ganz deiner Meinung, Timo. Bei mir auch.

Knippertz: Ja?

Seemann: Ja.

Knippertz: Sie haben auch einige Gemeinsamkeiten, merke ich gerade?

Koch: Merken wir jetzt gerade auch.

Knippertz: Frau Seemann Ihr liebstes Fest im Rheinischen Revier?

Seemann: Ja, ich hoffe, es gehört auch zum Rheinischen Revier. Für mich ist das CHIO.

Knippertz: Ah, das...

Seemann: Das Reitsport-Turnier. Das ist sehr interessant und da sind abends immer sehr nette Feten.

Knippertz: Ja, Aachen gehört doch zum Rheinischen Revier. Na klar! Herr Koch?

Koch: Muss ich ja gucken, dass wir die Doppelung mal auflösen. Ich muss ganz klar sagen der Karneval, ist gerade in Elsdorf auch groß gefeiert.

Knippertz: Was ruft man da?

Koch: Alaaf natürlich.

Knippertz: Nichts mit Zucker?

Koch: Der Zucker spielt da auch eine Rolle. Der Karnevalszug heißt Zuckerwürfelzug immer noch in Elsdorf.

Knippertz: Ach ja? Zuckerwürfelzug?

Koch: Wurde früher auch vom Unternehmen mit unterstützt und die Aufstellung fand auch direkt am Produktionsstandort statt und heißt traditionell immer noch Zuckerwürfelzug.

Knippertz: Wirft man dann statt Kamelle auch Zuckerwürfel?

Koch: Ob man das früher gemacht hat, ich weiß es nicht, die sind ja auch hart, oder die Pakete ein bisschen größer. In den letzten Jahren ist es mir zumindest nicht aufgefallen, aber es wird zumindest sehr viel Ware geworfen, die auch gut Zucker enthält.

Knippertz: Ja gut so hart oder ganze Pakete werfen, so Zuckerhüte werfen, das könnte wehtun. Aber da sind wir auch bei Ihren Pferden, die bekommen ja auch Zuckerwürfel und damit sind wir auch direkt wieder zurück beim Zucker. Sprechen wir doch mal über den Zucker und sprechen wir über Elsdorf. Elsdorf ist – kann man Zucker-Town sagen?

Seemann: Ja, doch. Was sagst du?

Koch: Ja, auf jeden Fall. Also war es in der Vergangenheit und wir arbeiten ja mit allen Mann daran, dass es das auch bleibt.

Knippertz: Da ist ja die Hälfte verschwunden, ne? Die eine Hälfte von Elsdorf. Das ist das, was Sie eben angesprochen haben, Frau Seemann. Sie haben gemerkt Strukturwandel, da ändert sich was. Was geht Ihnen da durch den Kopf, wenn man sieht, die eine Hälfte ist weg?

Seemann: Ja, also mir geht dann durch den Kopf, okay, es müssen irgendwie Alternativen her, oder was können wir machen, damit der Teil, der wieder geschaffen wird, einfach auch für alle nutzbar ist. Und finde es schön, dass wir durch unser Projekt, was er Herr Koch eben gesagt hat, mit dem Food Campus, dass wir da vielleicht es hinbekommen, dass wir einen großen Nutzen an die ganzen Anwohner, auch in Elsdorf, dass wir da etwas schaffen können, was für alle positiv ist.

Knippertz: Welche Gedanken haben Sie, wenn Sie auch so verwurzelt sind in der Region?

Koch: Interessanterweise… ich bin ja damit aufgewachsen, also ich kenne das von Kindertagen nicht anders, irgendwie gehört das Loch tatsächlich mit dazu, muss man fairerweise sagen. Jetzt, wo man es, wo es auch in voller Ausdehnung da ist und man das mitkriegt, merkt man natürlich schon, dass es für die Stadt und wenn man da auch lebt, schon präsent ist, dauerhaft. Viele Leute, die man kennt, arbeiten dort oder haben dort gearbeitet. Auf der anderen Seite ist auch ein Großteil des Stadtgebietes im Loch verschwunden. Und das ist schon… wenn wir jetzt überlegen, warum ist auch die Zuckerfabrik möglicherweise nicht mehr da oder was müssen wir tun, um in Elsdorf Schwung reinzubringen, dann dreht sich schon alles immer auch um dieses ominöse Loch und den Tagebau. Wir sitzen gerade mal auch mit unserem Büro 400 Meter entfernt, gucken jeden Tag darauf.

Knippertz: Achso, das heißt, die Zuckerfabrik ist direkt am Rand?

Koch: Ist direkt am Rand. Ein Teil ist… sozusagen der Flächen sind auch verschwunden oder können nicht mehr genutzt werden. Das ist schon omnipräsent.

Knippertz: Muss man da aufpassen?

Seemann: Nein.

Koch: Also Angst haben… also ich habe keine Angst.

Seemann: Nein.

Knippertz: Wie nah darf man denn eigentlich heranbaggern? Gibt es da einen Sicherheitsabstand?

Koch: Es gibt einen Sicherheitsstreifen, der für uns auch immer eine Rolle spielt, wenn wir unsere Planungen machen, wo eben aus der Physik heraus das sinnvollerweise so geschaltet ist, dass man Gebäude nicht zu nah an den Rand baut. Die Tagebau-Experten unterstützen da auch, wie nah man herangehen kann. Was wir mal mitgenommen haben, ist so Faustformel 400 Meter sollte man Abstand halten. Alles, was darunter liegt, dann muss man erstens besonders nachfragen und zweitens macht es auch irgendwann keinen Sinn mehr, weil es sonst halt die Gebäude möglicherweise direkt betrifft.

Knippertz: Also die 400 Meter werden genau eingehalten mit der Zuckerfabrik, die wurde glaube ich, 2016 geschlossen, wenn ich richtig informiert bin.

Seemann: Ja.

Knippertz: Warum?

Koch: Also vielleicht ist es schwierig, das an einem Datum festzumachen. Es gab auf der einen Seite eine oder gibt es die Zuckermarktordnung, also es gab eine Zuckermarktordnung, die die Produktion in Europa reglementiert hat. Sukzessive wurde diese Ordnung reformiert und hat dementsprechend den produzierenden Betrieben auferlegt, Produktionskapazitäten vom Markt zu nehmen. Die Zuckerrübenverarbeitung selbst wurde in Elsdorf schon weit vorher, ich glaube 2006 oder 2007, eingestellt. Damit war danach am Standort noch die Veredelung von Zucker, heißt Sondersorten, also gefärbte, aromatisierte Zucker oder abgepackte Zucker zu produzieren, ein Thema. Im Zuge der, ich sage mal, des Ausbaus einer sehr nahe gelegenen Zuckerfabrik in Jülich – sind gerade mal 20 Kilometer – machte es dann Sinn, dort alle Dinge zusammenzufassen. Also es war weder… eher weniger ein Einstellen als ein Zusammenfassen von Produktionskapazitäten.

Knippertz: Und es klang gerade schon durch… und wenn ich mich erinnere, habe es ja eben kurz anklingen lassen, in meiner Kindheit hat man überall Zuckerrübenfelder gesehen, das ist weniger geworden. Oder habe ich einfach nur nicht mehr so darauf geachtet?

Seemann: Ich bin nicht im Rheinland aufgewachsen, daher muss ich jetzt kurz still sein.

Koch: Man kann es sicher vom Gefühl her sich anschauen. Ich guck mir auch so ein bisschen die Zahlen oder die eigene Erfahrung an, eigentlich so viel weniger ist es gar nicht wirklich geworden. Die Wahrnehmung spielt da eine Rolle. Früher sind vor allem mit kleinen Traktoren und kleinen Anhängerchen gefahren. Wer da im Herbst unterwegs auf der Straße war, der hatte natürlich eine hohe Chance, ich sage mal, einen Landwirt mit seinem kleinen Trecker und ein paar Zuckerrüben vor sich zu haben. Das hat sich geändert. Die Dimensionen sind einfach viel größer geworden. Wir transportieren heute eben fast ausschließlich mit Lkws. Die laden das 3-, 4-, 5-fache, das früher eben auf die kleinen Traktoren geladen worden ist. Und damit ist sicher so die Wahrnehmung nicht mehr ganz so stark. Und die Zuckerfabriken sind eben auch viel, viel größer geworden. Das heißt, statt fünf, sechs Fabriken, die in jedem dritten Ort waren, macht das jetzt eine Fabrik, die eben an einem etwas weiter entfernten Ort liegt. Und damit ist vielleicht so ein bisschen die Präsenz auf der Straße weg. In den Feldern sind nach wie vor, spielen die Zuckerrüben eine große Rolle.

Knippertz: Aha, sehr gut. Also der Zuckerrüben-Nachschub ist gesichert. Brauche ich mir… Zuckerrübensirup-Nachschub ist auch gesichert... brauch ich mir keine Angst machen. Was ist denn mit dem Standort? Mit dem Gelände? Ist das auch gesichert? Was wird da passieren?

Seemann: Ja, das ist das, worüber wir eben kurz gesprochen hatten. Der sogenannte Food Campus, das Projekt, was wir aufgesetzt haben. Wir würden gerne den Standort, der schon da ist, der ja auch mal eine Fabrik war, den würden wir gerne umnutzen, sage ich mal, oder weiterentwickeln dann zu einem sogenannten Food Campus, dass wir dort im Kontext Lebensmittel, Futtermittel, Produktion, Wissenschaft, Forschung, dass wir dort alles zusammenbringen können, um dann nochmal neue tolle Produkte zu entwickeln.

Knippertz: Und wer kann dann da alles mitmachen? Unternehmen, die im Lebensmittelbereich unterwegs sind?

Seemann: Genau. Also wir schließen jetzt nicht alle aus, natürlich. Also wir sagen jetzt nicht, Ihr dürft nicht. Aber es sollte schon, damit es auch wirklich hier zu uns passt, weil wir haben die Expertise natürlich in Lebensmitteln, dass wir da auch… dass das auch gut zusammenpasst. Und daher haben wir gesagt, mal erst mal Lebensmittel.

Knippertz: Und wer macht schon alles mit? Herr Koch?

Koch: Wir sind aktuell mit Unternehmen aus der Gruppe dort unterwegs und die Firma Savanna Ingredients, die kalorienfreien Zucker herstellt und das Verfahren dazu entwickelt hat, die ist sozusagen, ich sage mal, erstes Beispiel und erstes Pflänzchen am Standort.

Knippertz: Ja, das ist ja auch nicht ganz unwichtig für Arbeitsplätze.

Koch: Absolut. Also wir suchen auch aktuell noch jede Menge Arbeitskräfte, hoch motivierte Leute so aus dem technischen Bereich und wollen damit auch zeigen, dass es durchaus im Strukturwandel gelingen kann, vor Ort wieder neue Industrien oder Industrien aus alten Bereichen zu stärken und damit auch Arbeitsplätze zu schaffen. Und das betrifft uns jetzt gerade ganz konkret, wo wir aktuell für unser Produktionsteam junge, aber durchaus auch schon ein bisschen erfahrene Leute aus dem technischen Bereich suchen, die auch Lust haben, wieder etwas zu produzieren.

Knippertz: Was heißt aus dem technischen Bereich?

Koch: Ach, das können Schlosser, Elektriker sein, das können Leute aus der Lebensmittelindustrie, Molkereien sein, Mühlen. Vor allem uns ist wichtig, dass die Leute Spaß haben, selbst Verantwortung zu übernehmen, Lust an Produktion haben, auch vor Ort mit Anlagen, Maschinen arbeiten. Wir haben ja alles, ich sage mal, neue und moderne Maschinen. Und damit ist bei uns eigentlich ein ganz netter Spielplatz für alle, die sich für Technik begeistern, aber auch Lust haben, das Zepter mal selbst in die Hand zu nehmen.

Knippertz: Und jetzt kommen wir zu dem, was ich die ganze Zeit wissen wollte, nämlich Zucker ohne Kalorien, heißt, glaube ich, Allulose in Ihrem Fall. Und jetzt würde ich gerne wissen, Herr Koch, was ist das? Wie funktioniert das?

Koch: Um das zu erklären – das kann sich eigentlich jeder ableiten – muss man überlegen, was heißt eigentlich Zucker. Wenn wir über Zucker sprechen und jeder guckt vielleicht bei sich zu Hause mal in den Schrank, dann stellen wir fest, dass wir schon zu Hause eigentlich verschiedene Zucker haben. Die nennen wir Zucker, aber es ist etwas Anderes und wir wissen es auch. Wir kennen den Rübenzucker. Das ist so in den Kilo-Paketen, die wir haben, oder auch als Puderzucker. Können wir mit backen. Dann haben die meisten von uns aber auch so ein Päckchen Traubenzucker im Schrank stehen und da wissen wir, aha, heißt auch Zucker, ist aber schon etwas Anderes.

Knippertz: Meine Oma hatte früher immer Fruchtzucker. Die hat alles mit Fruchtzucker gesüßt.

Koch: Perfekt. Und das führt uns auch zum kalorienfreien Zucker. Was hat der Fruchtzucker jetzt damit zu tun? Erstens er ist ein dritter Zucker, der auch Zucker heißt, aber auch ein anderer Zucker ist. Und jetzt gibt es noch weitere Zucker in der Natur. Die haben alle wie Fructose (ist der Fruchtzucker), Allulose (ist eben unser neuer Zucker) oder Glukose (der Traubenzucker) haben eben auch einen chemischen Namen. Und so ist die Allulose eben auch ein Zucker, der in der Natur vorkommt, und er ist sehr ähnlich dem Fruchtzucker. Er ist praktisch… wie Bild und Spiegelbild verhalten die sich zueinander. Und was wir jetzt machen, ist, wir haben uns in der Natur ein Verfahren abgeschaut, wie man aus normalem Zucker über den Fruchtzucker, diesen Allulose-Zucker herstellt. Also wir bleiben im Zucker, machen eben aus einem Zucker den anderen.

Knippertz: Aber wenn das in der Natur vorkommt, diese Allulose, wieso nimmt man das nicht direkt aus der Natur?

Koch: Rübenzucker, Fruchtzucker und Traubenzucker sind Zucker, die in großen Mengen in der Natur vorkommen. Warum ist das so? Die Natur hat sich wahrscheinlich irgendwann mal entschieden, wir brauchen etwas, wo Energie in die, ich sage mal, Tier- und Pflanzenwelt reinkommt. Also nehmen wir diese Zucker. Die Allulose war dafür nicht vorgesehen. Also braucht man sie auch in großen Mengen in der Natur nicht herzustellen. Dennoch ist es ein Zucker und macht chemisch gesehen fast alles, was die anderen Zucker auch machen. Wo ist jetzt der Unterschied? In der Natur zur Kalorienverwertung haben wir eben als Körper oder auch bei Tieren Stoffwechsel-Kreisläufe, die dafür sorgen, dass Zucker in Energie umgewandelt wird, nennt sich einfach Stoffwechsel. Dafür haben wir Enzyme. Die sind auf die Zucker, die wir so kennen, wie Traubenzucker oder Fruchtzucker, optimiert und letztendlich auch eingerichtet. Der Allulose-Zucker, der war da nie vorgesehen. Das heißt, wenn der in den Körper kommt, wird er entsprechend in diesen Prozessen im Stoffwechsel weder erkannt noch verarbeitet und geht unverarbeitet wieder raus.

Knippertz: Das heißt er liefert keine Energie.

Koch: Liefert keine Energie und damit hat er eben auch keine Kalorien.

Knippertz: Und macht dementsprechend auch nicht dick?

Koch: Bei übermäßigem Konsum, also, wenn ich eben zu viele Nährstoffe zu mir nehme und mich nicht bewege, dann nimmt mein Gewicht zu. Und wenn ich mich dann immer noch nicht bewegen will, dann habe ich halt nur die Möglichkeit, entweder weniger essen oder Dinge essen, die weniger Kalorien haben. Und da hilft der kalorienfreie Zucker natürlich.

Knippertz: Jetzt bin ich ja jemand, der A) Süßigkeiten gerne mag, aber B) ich trinke auch unheimlich gerne so Cola Light-Produkte. Was wäre jetzt der Vorteil, wenn es eine Cola Light mit Allulose gäbe? Gegenüber… was ist drin? Aspartam oder Stevia? Was gibt es noch? Zucker?

Koch: Also Acesulfam-K ist noch ein typischer Süßstoff. Stevia, Aspartam, Sucralose, das sind alles so diese typischen Süßstoffe, die man kennt. Der große Unterschied, wenn man mal überlegt, was kann alles süß machen oder was kennen wir in Lebensmittel, was süß macht. Kennen wir die Zucker. Klar. Klassisch. Kennen wir die Süßstoffe. Was ist ein Süßstoff? Das ist eine chemische Substanz. Die hat eine Süßkraft, die zwei-, dreihundertmal höher ist als die von Zucker. Ich brauche also statt einem Löffel eine Messerspitze. Habe also einfach nur viel weniger drin. Deswegen hat das viel weniger Kalorien. Nachteil ist, wenn ich viel weniger drin habe, fehlt mir natürlich die Masse und die Eigenschaften des Zuckers. Oft schmecken Getränke seltsam leer. Viele Dinge, die ein Zucker mit sich bringt. Das ist ja nicht nur die Süße, die Zucker ausmacht. In Kuchen... Der Kuchen wird braun, weil Zucker drin ist. Besondere Geschmacksnoten entstehen dadurch, dass Zucker mit anderen Zutaten reagiert. Und das passiert bei Süßstoffen so eben nicht. Da gibt es noch – kennt man auch aus dem Supermarkt – in den letzten Jahren so Zuckeralkohole, eher bekannt unter Birkenzucker und Co klingt schon mal deutlich ähnlicher dem Zucker, ist es auch, ist aber immer noch kein Zucker. Hier nimmt man zwar mengenmäßig oft eins zu eins das Produkt, aber wenn man es dann im Lebensmittel einarbeitet, funktioniert es nicht ganz so wie klassischer Zucker. Das führt dann dazu, entweder der Kuchen geht nicht auf, er wird nicht braun, gewisse Aromanoten funktionieren nicht. Und das hat uns dazu geführt, weil man selbst als Konsument… oder wenn man auch Anforderungen von Kunden kriegt, die sagen, okay kaufe ich einmal oder würde ich halt nehmen, um die Kalorien zu sparen, aber schmecken tut es nicht. Und bei Lebensmitteln geht es doch um Genuss.

Knippertz: Auf jeden Fall auch, aber auch immer mehr um Gesundheit, darf man natürlich nicht vergessen. Und jetzt will ich Zahlen wissen. Wenn ich jetzt einen Löffel Zucker, also so wie man ihn kennt, nehme und einen Löffel Allulose, süßkraftmäßig, kann man das vergleichen?

Seemann: Nicht ganz. Die Saccharose ist… nehmen wir mal als Referenz mit 100 %, das ist die Süße, und die Allulose liegt so bei 70 % der Saccharose, also des normalen Haushaltszuckers, ungefähr so 70 % der Süße.

Knippertz: Und kalorienmäßig? Ein Gramm Saccharose hat wie viel Kalorien?

Koch: Vier.

Knippertz: Und ein Gramm Allulose?

Koch: Null zwei [0,2]. Wird in der EU als null dann wahrscheinlich gewertet. Also fast nichts.

Knippertz: Kann man aber noch nicht kaufen. EU ist das Stichwort. Die müssen das erst noch genehmigen, ne?

Koch: Hier ist die Zulassung noch nicht erfolgt. Hier sind wir aktuell noch dabei, weitere Daten zu generieren. Das Produkt ist bereits in Asien auf dem Markt. Die waren auch die ersten sozusagen, die sich da rangetraut haben. In den USA ist das Produkt auch bereits seit einigen Jahren zugelassen und auf dem Markt und feiert da auch große Erfolge und findet eine hohe Akzeptanz beim Verbraucher.

Knippertz: Wieso sagt man nicht einfach, ach was für Asien und für USA gut ist, können wir hier einfach übernehmen?

Koch: Tatsächlich sind die Regularien eben sehr unterschiedlich. Die Studien, die dahinterstehen, sind im Wesentlichen eigentlich die gleichen, aber hier in Europa ist halt der Zulassungsmechanismus deutlich aufwändiger. Hier werden noch mal andere Arten von Studien zusätzlich gefordert und das führt uns dann dazu, dass wir eben hier in Europa bei dem Punkt einfach ein bisschen länger brauchen.

Knippertz: Es ist ja eigentlich auch ganz gut für Verbraucherinnen und Verbraucher, wenn wirklich geforscht wird, dass es keine Nebenwirkungen gibt oder dass es nicht gesundheitsschädlich ist. Ich weiß, bei manchen Kaugummis ohne Zucker steht ab und zu drauf, kann bei übermäßigen Verzehr abführend wirken. Das ist ja, glaube ich, bei manchen Zuckeraustausch- oder Ersatzstoffen so?

Koch: Das ist eigentlich bei allen Produkten so, die, ich sage mal, von irgendeinem Organismus verstoffwechselt werden können und nicht von uns verstoffwechselt werden, ist das so. Wenn ich die in übermäßigem, ich sage mal, Maße verzehre, dann kommen Sie in den Dickdarm und wirken dort abführend. Das ist, weil die Bakterien die futtern das dann und sorgen dann dafür, dass man den schnellen Gang zur Toilette wählen muss. Das ist eigentlich normal und auch wenig bedenklich.

Knippertz: Muss man bei der Allulose, Frau Seemann, denn die Kalorien loswerden? Oder ist das eben auch von Natur aus so, dass Allulose so kalorienarm ist?

Seemann: Die Allulose ist von Natur aus so kalorienarm. Und, wie gesagt, wie Herr Koch eben schon sagte, bei uns im Körper wird es halt nicht verstoffwechselt und deswegen sind auch die null zwei [0,2] eigentlich null.

Knippertz: Und jetzt sehe ich, sie haben mir was mitgebracht Frau Seemann. Jetzt ist es leider kein Geruchs-Podcast und auch kein Geschmacks-Podcast. Deswegen muss ich Euch und Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, jetzt gleich erklären, wie das Ganze schmeckt und aussieht. Was haben wir denn da Gutes? Ich sehe eine Tüte, ich sehe eine Flasche, ich sehe eine Dose.

Seemann: Genau. Vielleicht fangen wir einfach mal mit dem Original-Produkt, nenne ich es mal, an, die Allulose kristallin. Ich mache hier mal den Deckel von der kleinen Dose auf.

Knippertz: So, jetzt haben wir hier eine Dose. Ich schaue rein und es sieht für mich aus wie der Zucker, den man zu Hause in den Kaffee rührt oder so. Ich nehme das mal mit dem Löffel raus und… Hört man das? Nee, hört man, glaube ich, nicht. Und darf ich mal anfassen einfach?

Seemann: Natürlich.

Knippertz: …ob es sich anfasst wie Zucker? Ein bisschen, also wie sehr feinkörniger Zucker, würde ich sagen. So hört man das hier zwischen meinen… das zwischen meinen Händen. Ich nehme das mal in den Mund… Schmeckt wie Zucker, nur tatsächlich nicht ganz so süß.

Seemann: Genau.

Knippertz: Ich nehme noch etwas.

Knippertz: Also das ist jetzt reine Allulose, was ich hier habe?

Seemann: Ja.

Knippertz: Sieht aus wie Zucker. Schmeckt wie etwas weniger süßer Zucker. Also, das würde ich mir jetzt schon mal in den Kaffee rühren, wenn die EU sagt, ja, ist unbedenklich. Mache ich. So, was haben wir noch? Ich sehe, das sieht so ein bisschen aus wie Weingummi in Herzform, in unterschiedlichen Farben. Machen wir die vielleicht auch mal auf in der Tüte?

Seemann: Genau, da haben wir jetzt noch Fruchtgummis mit der Allulose mitgebracht.

Knippertz: Und ich versuche währenddessen gerade mal rauszuschmecken, ob es auch so einen Nachgeschmack gibt, wie es den manchmal gibt bei Austauschstoffen. Kann ich bisher nicht schmecken. Ich nehme die gelben. Ich stehe auf die gelben hier. Ist das geschmacksmäßig ein Unterschied, ob… so wie bei anderen Weingummis?

Koch: Klar, jede Farbe hat einen eigenen Geschmack. Zitrone, ich glaube Erdbeer-, Kirsch- haben wir auch dabei. Und das Grüne ist, glaube ich, Waldmeister.

Knippertz: Sollen wir mal gemeinsam?

Koch: Also wenn ihr das Waldmeister nicht haben wollt, dann nehme ich das jetzt. Das ist meine Lieblingssorte.

Knippertz: Okay, also ich nehme jetzt mal das Gummiherz hier in Zitrone.

Seemann: Ich nehme das Lilane.

Knippertz: Mmhhh… Ja, also, Entschuldigung, ich weiß, dass es Menschen gibt, die das nicht mögen, wenn man beim Podcast isst und trinkt. Aber das ist jetzt unerlässlich. Vielleicht dreht ihr so lange dann währenddessen ein bisschen leiser. Ja, also auch da, schmeckt nicht ganz so süß wie viele Weingummis oder Gummi-Dinger, die ich kenne. Aber lecker.

Koch: Das finden wir auch so toll. Also als wir uns mit dem Thema befasst haben, das war so der erste Effekt. Mensch, das schmeckt ja. Und es ist trotzdem gesund. Wir hatten eben das Thema Genuss. Und, was für uns halt wichtig ist, warum sollen wir immer nur das eine haben? Warum nur Genuss oder nur gesunde oder kalorienarme Sachen? Warum nicht beides kombinieren?

Knippertz: Aber ist es gesund oder ist es nur nicht ungesund?

Koch: Per se sind Lebensmittel zum Ernähren da und sind keine Medikamente. Gesund… Was ist gesund? Ernährungsweisen… Aber ich kann damit eine kalorienarme und damit vielleicht für meine Lebenssituation gesündere Ernährungsweise unterstützen, indem ich sage, ich will nicht auf Genuss verzichten, müsste aber weniger Kalorien zu mir nehmen, will aber eben nicht weniger essen, oder will trotzdem den Weingummi haben. Da kann ich das jetzt tun und kann trotzdem dabei die Kalorien reduzieren, wenn ich das machen will oder muss.

Knippertz: Oft ist es ja sowieso so, die Dosis macht das Gift.

Koch: Wie immer. Also ich würde grundsätzlich, ich sage mal, nur dann verzichten, wenn es auch für mich persönlich einen Sinn macht. Wenn ich mich natürlich ausreichend bewege, also wir werden auch schon mal von Sportlern gefragt, da sage ich natürlich, um Gottes Willen, ihr braucht doch die Energie nach dem Sport. Da hilft natürlich ein kalorienfreier Zucker überhaupt nicht. Da sollte ich tunlichst mir Traubenzucker oder normalen Zucker ins Getränk rühren.

Knippertz: Bevor wir genau zu den Getränken kommen, bringt mich das nämlich schnell noch zu einer Frage. Also wenn es keine Energie hat und keine Auswirkungen auf den Energiehaushalt, wie ist es denn eigentlich bei Diabetikern? Also ich weiß, dass die ja gucken müssen gerade bei sehr zuckerhaltigen Produkten. Wie ist das bei Produkten, die dann später Alullose enthalten werden?

Koch: Für Diabetiker hoch spannend. Hier kommen wir da zu dem Punkt, es heißt Zucker, aber es ist eben ein anderer Zucker. Hat zwei Effekte. Erstens, der Diabetiker wird keinen Einfluss auf seinen Blutzuckerspiegel, weil das ist die Glukose, finden, den Traubenzucker. Das andere ist zweitens, für den Diabetiker auch wichtig, ist das Thema Insulinspiegel. Auch hier führt die Allulose nicht dazu, dass es irgendeinen Einfluss auf Insulinausschüttung gibt. Also beides bleibt sozusagen völlig unberührt. Und es gibt auch im Körper keinen nennenswerten Stoffwechselweg, wie beispielsweise beim Fruchtzucker, der dann doch zu einem leichten Anstieg des Blutzuckerspiegels führen könnte. Hier gibt es keinen Mechanismus, der direkt dorthin führt.

Knippertz: Und jetzt würde ich gerne das Getränk auch probieren. Oh sogar gekühlt mitgebracht!

Koch: Eisgekühlt.

Knippertz: Aber kein Bommerlunder?

Koch: Müssten wir auch mal machen.

Knippertz: Ich weiß gar nicht, ob da Zucker drin ist. So, was haben wir? Es sieht gelb aus wie eine Orangenlimonade?

Koch: Klassische Orangenlimonade, die wir hier in der Flasche haben.

Knippertz: Mit Kohlensäure, wie man gerade gehört hat.

Koch: Mit Kohlensäure.

Knippertz: So, und hier haben wir auch noch kleine Gläschen. Da wird das Ganze jetzt eingefüllt… Man hört's. Ich habe ja damals angefangen, also ich habe mal mehr gewogen und habe dann sehr viel Sport gemacht und während der Zeit mir so Softdrinks wie Cola, Limo und so was abgewöhnt und wollte aber nicht ganz darauf verzichten und habe da dann eben angefangen, Cola light zu trinken. Und seitdem mag ich keine normale Cola mehr. Ich mag auch keine, die wie normale Cola schmeckt, weil mir das zu süß ist einfach.

Koch: In der Tat bekommen wir tatsächlich auch Feedback von Kunden. Also am Anfang war das Thema, ist das gut, wenn Zucker weniger süß ist. Und tatsächlich ist in vielen Rezepturen ist heute der Trend, auch Süße ein Stück weit rauszunehmen und dementsprechend sind die Produkte, die man mit der Allulose herstellt, für viele Menschen werden als eigentlich sehr, sehr lecker empfunden, weil es die Aromen hervorhebt. Es wird eben geschmackvoller. Gerade im Ketchup funktioniert es auch hervorragend.

Knippertz: Stimmt.

Koch: Es ist ein super Produkt. Also wir waren am Anfang selbst erstaunt. Jeder, der es testet, sagt ungesehen der Allulose-Ketchup ist besser als der normale.

Knippertz: Ja, im Moment auch ganz viele Marmeladen zum Beispiel, die nicht so süß schmecken. Also jahrzehntelang hat man sich das irgendwie nach oben gesüßt und jetzt gerade geht der Trend zurück.

Koch: Man findet jetzt den optimalen Punkt, würde ich sagen.

Knippertz: Dann würde ich sagen, stoßen wir doch jetzt mal an! Prost! Mit Limonade.

Seemann: Prost!

Knippertz: Auch da ein kleiner... Da darf man schlürfen. Krass… Ist da wirklich nichts Anderes rein gefüllt? Das schmeckt wie viele andere Orangenlimonaden, die komplett gesüßt sind.

Koch: Das ist das eigentlich Erstaunliche an der Sache. Und das ist, wir kommen wieder zurück zu der Kombination Genuss ohne Reue. Die Sachen schmecken einfach. Punkt.

Knippertz: Und das dann aus Elsdorf?

Koch: Und das auch noch aus Elsdorf, mitten aus dem Rheinischen Revier, direkt am Tagebau Hambach.

Knippertz: Warum eigentlich genau da? Hätte man nicht auch sagen können, das ist so etwas Multinationales, damit gehen wir jetzt woanders hin.

Koch: Hätte man sagen können. Aber warum sitzen wir Elsdorf? Das erste ist, es wurde eben bei uns im Unternehmen Pfeifer und Langen aus einem traditionellen Zuckerbereich heraus entwickelt. Und das war auch gut und richtig so, weil dort hatte man das Know-how und die Expertise und auch die Lust daran, mit Zuckern zu arbeiten. Man weiß, was Kunden brauchen, und kennt sich eben mit dem Produkt Zucker hervorragend aus. Und da war in Elsdorf nunmal traditionell die Entwicklung des Unternehmens und deswegen sind auch die Anfangspunkte dort gesetzt worden. Zudem haben wir eben über den Strukturwandel und auch die Zusammenfassung der Zuckerproduktion an andere Standorte dort einfach Platz. Wir sind auch in Elsdorf ja sehr nah an den Städten Köln, Aachen, Düsseldorf. Wir liegen genau im Dreieck dazwischen. Super Verkehrsanbindung. Von daher gibt es aus der Sicht eigentlich auch schon fast keinen besseren Standort, um so etwas aufzuziehen. Und wir haben natürlich viele internationale Kontakte, mit denen wir auch arbeiten, aber produzieren, gerade für den Standort in Europa, da haben wir jetzt aktuell erst mal damit in Elsdorf angefangen.

Knippertz: Aber da braucht man schon auch noch Zuckerrüben für, ne?

Seemann: Ja. Natürlich!

Knippertz: Die werden nicht verschwinden?

Seemann: Nein.

Knippertz: Und der Boden, für Zuckerrüben, ist ja eigentlich ziemlich geeignet. Was könnte man sich denn sonst noch vorstellen für Lebensmittel? Stichwort Agrobusiness.

Seemann: Ach, ich würde sagen, ganz verschiedene Möglichkeiten. Wir haben ja auch starke Karotten. Ach, alles wird ja in dem Boden… also bei uns der Boden im Rheinischen Revier bietet ja unheimlich viele Möglichkeiten für alles.

Knippertz: Und zum Beispiel, was kann man sich da vorstellen?

Koch: Also im Rheinischen Revier, wenn man jetzt mal überlegt, Zuckerrübe ist super in der Fruchtfolge. Dann gibt es noch entsprechende Eiweißpflanzen, die hochinteressant sind, wie Erbsen zum Beispiel, die auch dann zu Erbsenprotein weiterverarbeitet werden könnten, auch ein wichtiges Thema aktuell in der Lebensmittelindustrie. Passt auch zu einem Unternehmen, was auch bei uns in der Gruppe aktiv ist, die Firma Endori, die eben Produkte aus Erbsenprotein herstellt, Fleischersatzprodukte. Findet man mittlerweile auch im Supermarkt. Und solche Dinge passen eben ganz gut auch bei uns in die Ackerkulturen rein, um einfach eine Abwechslung hinzukriegen und auch vielleicht ein Stück weit, weg von den entsprechenden großen Maisflächen zu finden.

Knippertz: So und man hat also ein riesiges Brachfeld, sage ich mal, um Sachen noch weiter zu entwickeln und weiter zu forschen. Wie viele arbeiten im Moment so in der Entwicklung und Forschung?

Seemann: Bei Pfeifer und Langen sind wir 26 derzeit. Und dazu kommen dann noch knapp 30 bei der Savanna Ingredients dazu.

Knippertz: Was könnte man noch aus – wenn die Zuckerrübe bleibt – Zuckerrüben machen?

Seemann: Ach, da haben wir noch ganz viele Möglichkeiten. Also einmal kann man aus Zucker natürlich auch Biopolymere machen, also Plastik aus Zucker, den gibt es ja schon, der dann abbaubar ist. Wir forschen auch noch weiter daran, dass wir die Zuckerrüben-Schnitzel, die bisher als Futtermittel vermarktet werden ja, die bei der Zuckerherstellung anfallen, auch in Werkstoffe verarbeiten, um dadurch abbaubare Einwegprodukte oder Ähnliches herstellen zu können.

Knippertz: Plastik aus Zucker gibt es schon? Wusste ich gar nicht.

Seemann: Ja.

Knippertz: Das heißt, wenn die Kinder die Spielzeuge in den Mund stecken, damit es süß schmeckt? Nee.

Seemann: Nee, süß schmeckt es nicht. Aber es ist nicht aus Öl hergestellt.

Knippertz: Öl bringt mich gerade… Also vielleicht gehe ich jetzt zu weit weg vom Thema, aber Stichwort Öl, wir haben 8 Milliarden Menschen auf der Welt, die alle ernährt werden wollen. Was passiert, wenn wichtige Lebensmittelproduzenten jetzt plötzlich ausfallen? Sieht man ja am Ukraine-Krieg. Stichwort Getreide. Öl ist jetzt kein Lebensmittel, aber deswegen bin ich darauf gekommen. Wie wichtig ist es, dass man sich in dem Bereich gut positioniert, vielleicht auch für die Zeit nach der Kohle?

Seemann: Also aus meiner Sicht ist es natürlich unheimlich wichtig, dass wir uns da gut positionieren. Und gerade bei uns im Rheinland, wir haben eine unheimlich starke Lebensmittelindustrie und ich denke, dafür sollten wir dann auch, wie wir das mit dem Food Campus auch versuchen, einen Platz schaffen. Und das weiter auszubauen, zu fördern und dann auch natürlich uns, nicht nur uns selber, sondern den Kunden was Positives bieten können.

Knippertz: Also es ist noch Platz da beim Food Campus?

Koch: Es ist Platz da und es ist vor allem auch Bedarf da. Lebensmittelindustrie heißt ja, dass etwas hergestellt wird, aus Rohwaren umgearbeitet. Das braucht Energie. Das hat gestern Energie gebraucht, braucht es heute und wird es auch morgen. Wir verfolgen da verschiedene Ansätze. Auf der einen Seite arbeiten wir natürlich und suchen wir auf Firmen, die nach Elsdorf kommen, die mit Hochdruck daran arbeiten, Verfahren zu entwickeln, die energieeffizienter arbeiten, wo wir einfach weniger Energie brauchen. Aber wir schauen auch links und rechts und versuchen uns zu vernetzen mit Aktivitäten, die dafür sorgen, dass wir erneuerbare Energien auch an einem solchen Produktionsstandort bekommen.

Knippertz: In einer der letzten Folgen haben wir in den „Revier.Geschichten“ über den Brainergy Park in Jülich gesprochen und da habe ich mal gefragt, wie kann man denn so Unternehmen locken. Und da war ein Motto, so ein Start-up-Village, wo dann ein Biergarten mittendrin entsteht. Womit locken Sie die Leute zum Food Campus?

Koch: Also wir locken mit Sicherheit auch mit tollen Aktivitäten. Wobei wir tatsächlich auch das Arbeitsumfeld und, ich sage mal, die Struktur in den Vordergrund stellen, bevor wir mit einem Biergarten anfangen. Das machen wir dann nach der Arbeit. Für uns ist wichtig, auch aus der Erfahrung mit der kleinen Firma Savanna heraus, dass wir ein Umfeld schaffen, wo es Kontakte gibt zu Kunden, wo es entsprechende Infrastruktur gibt, um wirklich etwas Produzierendes aufzubauen. Was meine ich damit? Einen großen Stromanschluss, wo ich mehr einstecken kann als ein paar Rechner, wo ich wirklich eine Anlage mit betreiben kann. Vielleicht eine Möglichkeit auch Abwasser aufzubereiten, wo es entsprechende Logistikanbindung gibt, wo ich eben nicht nur mit einem TNT oder mit einem DHL ein paar Pakete rauskriege, sondern wo auch Lkws abgefertigt werden können. Das ist für uns erst mal der Vordergrund. Und ergänzend dazu Forschungsinfrastruktur, die nicht erst aufgebaut werden muss, wo vielleicht schon Experten da sind, die chemische Analysen machen können, die mal beraten können und dann on top kommt eigentlich, dass wir natürlich auch ein Umfeld schaffen wollen, wo man Spaß haben kann, wo man vielleicht in Räumlichkeiten Konsumenten einladen kann, Produkte präsentieren kann, wo Kunden kommen können, fühlen, schmecken, Showküchen und solche Geschichten. Und da findet dann sicher auch ein bisschen Bier den Platz.

Knippertz: Und jetzt packe ich nochmal etwas drauf. Irgendwann wird da ja vielleicht auch mal der See, und wenn es wirklich direkt am Rand ist, ein Yachthafen, eine Surf-Schule, ein Freibad entstehen.

Koch: Ja, hoffentlich. Also ich habe mein Handtuch schon irgendwo ausgebreitet.

Knippertz: Das hört sich gut an und für die Getränke ist dann auch gesorgt. Sogar mit viel, viel weniger Kalorien, als wir es gewöhnt sind.

Koch: Die stellen wir höchstpersönlich her.

Knippertz: Auch das noch. Dann bedanke ich mich ganz herzlich bei Julia Seemann und Dr. Timo Koch. Vielen Dank, Frau Seemann.

Seemann: Dankeschön. Gerne.

Knippertz: Dankeschön, Herr Koch.

Koch: Dankeschön.

Knippertz: Und damit sind wir auch schon am Ende unserer heutigen Episode. Und ich sage Dankeschön für‘s Reinklicken, Dankeschön für‘s Zuhören. Also gerne weitererzählen, Familien, Freunden, vom Podcast, aber auch vom Food Campus und auch von Möglichkeiten, wie man demnächst süße Sachen essen und trinken kann, ohne zu viele Kalorien zu sich zu nehmen. Wie lange dauert es ungefähr noch, bis das zugelassen ist?

Koch: Wir hoffen, dass wir in zwei Jahren jetzt durch sind.

Knippertz: Okay, also Stand Mai 2022. Also 2024 vielleicht. Wir werden das weiter beobachten, also ich persönlich zumindest. Spannendes Thema. Und am besten abonniert ihr den Podcast, damit ihr keine Episode verpasst von den „Revier.Geschichten“. Seid beim nächsten Mal gerne wieder dabei. Ich sage Tschüss. Bis dann, euer Torsten Knippertz. Ciao.

© Rhein-Erft-Kreis

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Gäste

Dr. Timo Koch
Geschäftsführer von SAVANNA Ingredients

Julia Seemann
Projektingenieurin Pfeifer & Langen

Moderator

Torsten Knippertz

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