Die Katastrophe und die Zukunft

Ein Braunkohlekraftwerk vor Ort und gleichzeitig nachhaltigste Stadt Deutschlands – geht das? In Eschweiler schon. Wie? Das hören wir von der Bürgermeisterin Nadine Leonhardt. Mit ihr reden wir über Menschen, die anpacken können, die den Karneval lieben und für die die Bergbautradition immer noch wichtig ist. Welche Konsequenzen zieht die Stadt aus der Flutkatastrophe und wie stellt sie sich für die Zukunft auf? Darum geht es in dieser Folge.

© Stadt Eschweiler
Nadine Leonhardt, Bürgermeisterin der Stadt Eschweiler

Leonhardt: Ich kann mich zum Beispiel an eine Situation erinnern, da kam mir ein Gastwirt entgegen, der ganz woanders eigentlich sein Café hat und der überhaupt nicht betroffen war von der Sache und der hatte also Schaufeln dabei. Der sah auch aus, dass man weiß, der war nicht auf dem Weg hin, der hatte sich nur zwischendurch etwas geholt. Und er sagte zu mir, ja, ich habe jetzt erst mal da meinen Laden zugemacht. Ich helfe jetzt hier erst mal.

Leonhardt: Musik

Knippertz: Hallo und herzlich willkommen zu „Revier.Geschichten - Dein Podcast zum Rheinischen Revier″ mit Menschen, die etwas bewegen wollen in der Region, die anpacken, die in die Zukunft schauen. Sie kommen zu mir und erzählen mir ihre Geschichten. Mein Name ist Torsten Knippertz. Vielleicht kennen Sie mich aus dem Radio oder dem Fernsehen, dem Internet oder als Stadionsprecher bei Borussia Mönchengladbach.

Knippertz: Stadion-Geräusche

Knippertz: Wir sprechen über Ideen und Menschen, die die Region voranbringen, formen und prägen und das genau jetzt tun und genau heute. Und das trifft auch auf meinen heutigen Gast zu, die sich ihren Start in die neue Aufgabe, von der wir auch noch reden werden, wahrscheinlich ein bisschen anders vorgestellt hat. Sie ist Bürgermeisterin der Stadt Eschweiler. Herzlich willkommen, Nadine Leonhardt.

Leonhardt: Ja, hallo. Schön, dass ich hier sein kann.

Leonhardt: Musik

Knippertz: Ja, ich freue mich auch. Und bevor wir mehr über die Ideen und auch über Sie sprechen, erst einmal als Einstieg, werden wir einen kurzen Streifzug durch Ihr Leben bestreiten und gerne reingrätschen, wenn irgendetwas falsch ist.

Leonhardt: Alles klar.

Knippertz: Sofort richtigstellen.

Knippertz: Im Hintergrund Musik

Knippertz: Aufgewachsen in Eschweiler. Dann haben Sie Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie in Trier studiert, an der Porta Nigra. Ab 2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte an der Ruhr-Universität Bochum und 2011 bis 2020 dann wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin an der FH in Aachen. Stimmt das so?

Leonhardt: Das stimmt. Das ist alles richtig, ja.

Knippertz: Okay, dann machen wir weiter mal mit dem politischen Weg. Der muss ja auch irgendwann kommen als Bürgermeisterin. 2001 sind Sie in die SPD eingetreten, seit 2007 Mitarbeiterin im Vorstand des SPD-Ortsvereins Kinzweiler, seit 2014 Vorsitzende der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Eschweiler und seit 2020 Bürgermeisterin von Eschweiler.

Leonhardt: Das ist richtig, ja.

Knippertz: Und Eschweiler, habe ich mir angelesen, wird auch Inde-Stadt, Wiege des rheinischen Bergbaus, Kalmannshuse, also Quasselstrippenhausen, genannt. Da müssen Sie lachen. Würden Sie das auf sich auch so beziehen?

Leonhardt: Auf mich? Ja, sicherlich. Ich bin auf jeden Fall, glaube ich, jemand, der gerne mal ein Schwätzchen hält. Und ich glaube, das trifft auch auf viele in Eschweiler zu.

Knippertz: Jetzt sprechen wir erst mal für alle die, die Eschweiler nicht kennen. Weil ich zum Beispiel habe früher, bevor ich bei Welle West im Kreis Heinsberg gearbeitet habe, bei Eschweiler immer sofort an Walter Eschweiler, den Schiedsrichter, gedacht. Und dann hat in der Sportredaktion auch noch ein Heinz Eschweiler gearbeitet. Und dann erst habe ich die Stadt Eschweiler kennengelernt. 58.000 Einwohner. Und ist man beleidigt, wenn man Menschen, die Eschweiler nicht kennen, sagt, das liegt so zwischen Aachen und Köln?

Leonhardt: Also man könnte auch sagen Aachen und Köln flankieren Eschweiler. Ich glaube, das ist das, was die Eschweiler da eher sehen. Es ist schon ein Städtchen, das ein hohes Selbstbewusstsein hat und das das auch nach draußen trägt. Und ich glaube auch mit der Geschichte und mit der Art und Weise, mit Herausforderungen umzugehen, können die Eschweiler das auch.

Knippertz: Was macht das Leben in Eschweiler aus?

Leonhardt: Ich glaube, dass das Leben in Eschweiler ausmacht, dass man wirklich einen hohen sozialen Zusammenhalt hat, dass man sich Herausforderungen stellt, dass man aber auch offen ist für andere Menschen und für andere Ideen. Also es ist kein kleines Städtchen, das so in sich gekehrt ist, sondern man ist auch immer offen für neue Herausforderungen, auch für Menschen, die vielleicht von anderswoher zuziehen. Dazu zähle ich sowohl Menschen, ich sag mal, aus Köln, als auch vielleicht aus anderen Ländern. Das haben wir eigentlich immer sehr gut mit hinbekommen. Und ja, da bin ich eigentlich sehr stolz darauf, dass ich in einer Stadt, in der auch Toleranz großgeschrieben wird, dass ich da jetzt auch Bürgermeisterin sein kann und früher aufwachsen durfte.

Leonhardt: Musik

Leonhardt: Normalerweise ist es öfter so, dass Kinder gebeten werden, und auch meine Kinder, mal so ein bisschen den Stammbaum zu skizzieren. Und dann ist es ja öfter so, dass man dann auch vielleicht die Berufe der Vorfahren mit angeben muss. Und ja, bei mir habe ich dann direkt gesagt… Ja, was war denn der Opa? Ja, der war Bergmann. Was war der Uropa? Der war auch Bergmann. Ja und der davor? Der war auch Bergmann. Und dann haben meine Kinder versucht, in andere Zweige auszuweichen, der Familie, weil man die Hoffnung hatte, dass man vielleicht mal irgendetwas anderes schreiben kann. Das war nicht möglich, außer bei einem. Da habe ich gesagt, da könnt ihr etwas anderes schreiben. Ja was denn? Da habe ich gesagt, der hat im Salzbergbau gearbeitet. So ist es wirklich. Also, ich glaube auch viele aus der Region, da spreche ich jetzt nicht nur für Eschweiler, sondern auch meine Vorfahren haben ja dann auch teilweise in den Nachbarstädten gearbeitet, in anderen Zechen. Da ist natürlich auch viel ausgeliehen worden und man hat sich natürlich dann auch im Revier, ich sage jetzt mal, über die Zeit hin auch mal bewegt. Aber gemeinschaftlich war immer, dass man vielleicht auch vom Bergbau irgendwann angezogen worden ist und dann auch im Bergbau gearbeitet hat. Und das hat sicherlich diese Ecke des Landes genauso geprägt wie zum Beispiel Teile des Ruhrgebiets, wenn nicht sogar noch mehr.

Knippertz: 1394, steht zumindest bei Wikipedia, ist Eschweiler im Bergbau erstmals urkundlich erwähnt worden und dann sind bis 1987 530 Millionen Tonnen Kohle gefördert worden, dann nicht mehr.

Leonhardt: Ja, also die erste Erwähnung, das bezieht sich vor allen Dingen auf den Steinkohlebergbau.

Knippertz: Ah, okay.

Leonhardt: Also, in Eschweiler ist schon sehr lange Steinkohlebergbau betrieben worden, also das ist die erste Aufzeichnung. Es gibt sicherlich auch schon davor Abbau von Steinkohle in Eschweiler. Also es gibt erste Anzeichen dafür, dass vielleicht sogar schon in der Steinzeit Kohle abgebaut worden ist in Eschweiler. Natürlich nicht im Rahmen von Bergwerk, sondern sicherlich im Rahmen der damals kleinen Siedlungen. Und das ist also eine lange Tradition, die sich ab dem 13. Jahrhundert entwickelt hat. Wir hatten also schon im Mittelalter in Eschweiler Bergbau, und das hat sich dann ja im 18. und 19. Jahrhundert weiterentwickelt. Es gab dann die ersten Bergbaugesellschaften bis dahin, dass dann in Eschweiler der Eschweiler Bergwerksverein gegründet wurde am Anfang des 19. Jahrhunderts. Und der war ja die Wiege wirklich für die Industrialisierung, nicht nur von Eschweiler, sondern von, ja eigentlich von ganz NRW, das kann man wirklich so sagen.

Knippertz: Spielt dieser geschichtliche Bezug und all das, was wir gerade gehört haben, heute noch eine Rolle in Eschweiler?

Leonhardt: Es ist, glaube ich, nicht so, dass man jeden Tag in Eschweiler darüber nachdenkt, was da vor 500 Jahren war. Es ist zwar im Bewusstsein, aber nicht so in den Daten, die ich jetzt sozusagen gerade ganz kurz wiedergegeben habe. Ich glaube, wo sich das wirklich eingeprägt hat, das ist in allen Traditionen, die wir in Eschweiler haben, von Karnevalsverein, die „lustige Reserve″ heißen, über...

Knippertz: „Lustige Reserve″?

Leonhardt: Ja. ..Über viele, viele andere Bereiche, wo man wirklich sagen kann, da sind noch die Namen. Wir haben einen Stadtteil, der heißt Pumpe. Woher? Weil im Steinkohlebergbau da die Pumpen standen. Wir haben einen Stadtwald, der ehemaliges Abbaugebiet ist. Es ist so eigentlich in der DNA der Eschweiler, dass es gar nicht groß thematisiert wird, weil man damit einfach tagtäglich lebt. So war das, so ist das. Und vielleicht noch mal ganz kurz, um auf die Braunkohle zurückzukommen… In Eschweiler ist dann ungefähr seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auch Braunkohle gefördert worden. Eine Zeit lang zusätzlich und dann als 1945 der Steinkohlebergbau im Rahmen des Krieges zum Ende kam, hat man dann auf die Braunkohle gesetzt und seit 1988 wird dann keine Braunkohle mehr direkt im Stadtgebiet gefördert. Aber wir haben natürlich durch den Tagebau Inden, der nebenan liegt, und durch das Kraftwerk, das auf unserem Gebiet steht, natürlich immer noch einen extrem engen Bezug zur Braunkohle und zum Kraftwerk, immer noch einer der größten Arbeitgeber in der Region, mit den ganzen Zuliefererbetrieben sicherlich auch der größte.

Knippertz: Das ist wichtig für Sie, klar, Sie sind Bürgermeisterin in Eschweiler und da gibt es nicht nur schöne Momente, da gibt es auch herausfordernde, schwere Momente. Und im Juli gab es mindestens so einen, nicht nur für Sie, sondern für die gesamte Region. Die Flutkatastrophe hat mehr als 13.000 Menschen betroffen, haben Sie in einem Interview gesagt. Unzählige tausend Tonnen Sperrmüll, Bauschutt sind angefallen und in drei Monaten wurde so abgefahren, was sonst in 27 Jahren anfällt. Das ist kaum vorstellbar. Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Ihnen klar war, wie groß das Ausmaß dieser Katastrophe ist?

Leonhardt: Wenn ich jetzt so zurückdenke, dann würde ich sagen, dass eigentlich das Ausmaß in der ganzen Breite, ich glaube, immer noch nicht ganz klar darstellbar ist. Von daher vielleicht liegt dieser Moment noch vor uns allen. Also bei uns war der Schwerpunkt der Flut zwischen Mittwoch und Donnerstag und da war natürlich schon in der Nacht klar, dass wir da nicht, es da nicht mit einem kleinen Hochwasser zu tun haben, sondern es ist sicherlich die größte Katastrophe, die Eschweiler nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen hat. Und wir haben schwere Schäden. Und wie gesagt, wir werden an ganz, ganz vielen Punkten in den nächsten Jahren da Wiederaufbau leisten müssen. Und wir sind jetzt nicht nur eine Kommune im Strukturwandel, sondern auch eine Hochwasser-Kommune, und das ist eine besondere Herausforderung.

Knippertz: Mittwoch, Donnerstag, das heißt, Sie haben den Moment noch sehr, sehr präsent. Wissen Sie noch, wo Sie da waren?

Leonhardt: Ja. Wir hatten relativ früh den Krisenstab bei uns einberufen, der hat also schon am Mittwochmorgen getagt. Das heißt, wir haben den ganzen Tag schon beobachtet, wie entwickelt sich das Wasser. Und in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag und die darauffolgenden Tage war ich in der Feuerwehr. Zum Glück liegt bei uns die Feuerwehr auf einem Hügel. Und deswegen konnten wir in der Feuerwehr sozusagen uns auch treffen. Da hat auch der Krisenstab getagt, weil unter anderem unser Rathaus auch nicht mehr betretbar war. Und ja, da haben wir eigentlich bis auf kurze Schlafpausen, vielleicht zwei-drei Stunden, eigentlich die ganze Zeit verbracht.

Knippertz: Und es geht weiter, es ist immer noch so, ja?

Leonhardt: Ja, das ist sicherlich so. Also, wir haben in der Innenstadt in Eschweiler jedes Geschäft betroffen. Jedes Geschäft! Und wir haben eine sehr schöne Innenstadt. Also wir haben auch noch eine funktionierende Innenstadt und das ist jetzt natürlich eine wirkliche Herausforderung, das Herz in Eschweiler am Schlagen zu halten und zu sehen, dass es weitergeht. Ich habe ja eben so ein bisschen beschrieben, wie die Eschweiler sind, und genauso war es auch nach dieser Flut. Man hat überhaupt nicht sich in Lethargie ergeben, sondern man hat direkt angepackt. Man hat auch jetzt die Geschäftsleute, die wollen, und die wollen auch weiter loslegen. Und auch die Eschweiler wollen ihre Innenstadt erhalten. Jetzt müssen wir natürlich gucken, dass wir auch die Rahmenbedingungen dafür setzen und das ist natürlich Teil jetzt meiner Arbeit. Aber ich…, vielleicht ganz kurz, wir haben sechs betroffene Schulen, wir haben sechs betroffene Kitas. Wir sind, glaube ich, die Kommune, die mit am meisten betroffen ist, was Schulen betrifft. Viele Kinder werden jetzt mit Bussen in andere Städte gefahren jeden Morgen. Das ist schon eine große Herausforderung.

Knippertz: Kann man das schon absehen, was es da für auch längerfristige Veränderungen geben wird?

Leonhardt: Also ich denke, wir müssen natürlich auf jeden Fall jetzt sehen, welche Konsequenzen können wir kurz-, mittel- und langfristig aus der Flut ziehen. Und da ist ja zum Beispiel jetzt eine Masterplanstudie in Auftrag gegeben worden, wo wir uns einfach nochmal ansehen werden, welche Möglichkeiten gibt es denn da, sowohl städtebaulich als auch vielleicht im oberen Verlauf des Flusses – also Eschweiler liegt ja an der Inde –; da einfach zu sehen, welche Möglichkeiten gibt es, um bei einem solchen neuen Starkregenereignis dafür zu sorgen, dass nicht diese Wassermassen in die Innenstadt kommen. Weil vielleicht auch nochmal das war ja keine Überflutung, wie man sich das so vorstellt, wie so eine Wanne, die vollläuft, sondern der Fluss ist in die Innenstadt gekommen. Wir hatten an vielen Stellen und auch in zwei Stadtteilen, das darf ich nicht vergessen, wir hatten an vielen Stellen die zweifache Strömungsgeschwindigkeit des Rheins. In der Innenstadt! Das heißt, wir reden wirklich, ich sag mal, von einem kleinen Tsunami, der da durchgerollt ist. Und da müssen wir natürlich jetzt auch Maßnahmen ergreifen, dass das anders läuft demnächst und dass wir so eine Situation nicht noch mal erleben müssen.

Knippertz: Ja auch städtebauliche Veränderungen. Da muss man sich jetzt Gedanken machen. Was ändert man? Zwangsläufig muss man sich diese Gedanken machen. Ich habe gestern einen ganz interessanten Artikel gelesen von jemandem, der gesagt hat, man muss jetzt nicht unbedingt wieder die Steine auch dort aufbauen, wo sie waren. Vielleicht kann man das auch als Chance begreifen. Das ist ja für manche Menschen einfacher, für manche schwieriger, etwas Neues zu machen. Ist das jetzt auch eine große Herausforderung, dass man manchen sagt, ja, du wohnst jetzt nicht mehr in deinem Elternhaus?

Leonhardt: Ja, wir haben in Eschweiler, ich sage jetzt mal, ein bisschen andere Lage als zum Beispiel im Ahrtal oder auch vielleicht in der Nachbarstadt Stolberg, wo es Straßenzüge gibt, die so stark betroffen sind, dass man sagen kann, das sind Häuser, die müssen komplett wiederaufgebaut werden. Das haben wir in Eschweiler nur an einigen Stellen. Was für uns vor allen Dingen wichtig ist, ist zu fragen, wie können wir die Gebäude gegen Hochwasser sichern und welche Möglichkeiten gibt es da. Und da gibt es ja gute Ideen, also auch was bauliche Herausforderungen betrifft. Und das müssen wir jetzt auf jeden Fall dann in Zukunft umsetzen. Da sind wir auch dran. Also, ich glaube auch da werden gute Ideen, glaube ich, im Moment gewälzt. Das wird jetzt noch ein bisschen dauern natürlich. Weil mit, ja wie soll ich das sagen, so Schnellschüssen hat man natürlich auch dann nicht unbedingt die besten Ideen. Also, da muss man schon ein bisschen nachdenken und dann überlegen, wie kann man das Stadtbild dann vielleicht anders prägen.

Knippertz: Ja, es ist aber, glaube ich, wirklich auch für Sie als Bürgermeisterin persönlich eine Herausforderung, weil ich mir schon vorstellen kann, dass man einerseits sagt, so jetzt nichts übers Knie brechen, andererseits dann jemanden hat, der sagt, ja, aber was macht ihr denn jetzt.

Leonhardt: So ist das, ja. Ja das ist natürlich auch so. Ich habe ja eben über die Innenstadt gesprochen. Wir haben auch andere Projekte im Bereich der Stadtplanung, die jetzt so waren, dass wir sie eigentlich jetzt hätten umsetzen können und das sind jetzt einfach Sachen, wo wir einfach jetzt noch mal überlegen müssen. Und diesen Spagat, den müssen wir jetzt gehen, für jedes einzelne Gebäude, für jedes einzelne Stadtviertel. Und dann genau überlegen, was können wir machen, was sollten wir machen. Und ja, ich glaube, dass dann ganz wichtig ist, die Kommunikation zu erhöhen und mit allen zu sprechen, damit auch klar ist, man verzögert nicht absichtlich. Oder auch, ja wir brechen jetzt nicht irgendetwas übers Knie, einfach nur, um etwas getan zu haben. Und in diesem Spannungsfeld, glaube ich, das einzige, was hilft, ist, mit allen dann, wenn man miteinander spricht.

Knippertz: Erinnern Sie sich vielleicht an ein Gespräch, was Ihnen auch während dieser schweren Zeit dann so Hoffnung gegeben hat, wo Sie gesagt haben, ja, wir schaffen das?

Leonhardt: Ich kann mich zum Beispiel an eine Situation erinnern, da kam mir ein Gastwirt entgegen, der ganz woanders eigentlich sein Café hat und der überhaupt nicht betroffen war von der Sache und der hatte also Schaufeln dabei, der sah auch aus, dass man weiß, der war nicht auf dem Weg hin, der hatte sich nur zwischendurch was geholt. Und er sagte zu mir, ja, ich habe jetzt erst mal da meinen Laden zugemacht. Ich helfe jetzt hier erst mal. Und ich glaube, das ist genau das, was man braucht, dass Menschen dann anpacken, dass man sagt, ich mache das jetzt einfach und ich frag nicht nach. Und ich frag auch nicht nach, ob derjenige Hilfe braucht und ruf da an oder so, sondern ich tauche einfach auf. Das ist eigentlich so der Geist, der da sofort geherrscht hat und das fand ich ganz toll.

Knippertz: Ist das vielleicht dann sogar ein Vorteil, dass man in einer Region wohnt, wo viele auch früher schon angepackt haben?

Leonhardt: Ja, ich glaube schon. Ich habe das auch mitbekommen, dass es auch Vereine gab, die einfach nur per WhatsApp rumgefragt haben und dann sind die alle sozusagen in die Innenstadt oder auch in die betroffenen Stadtteile gegangen. Ich kann das auch zum Beispiel für den Stadtteil Weisweiler sagen – das ist auch der Stadtteil, wo das Kraftwerk ist –, die haben sich so toll teilweise selbst organisiert, da musste man wirklich sagen, die waren auch des Öfteren schneller, als das die Hilfsorganisationen zum Beispiel sein konnten und haben dann auch gesagt, wenn die dann kamen, haben die gesagt, ja, ihr könnt euch dazustellen, aber im Kern haben wir das hier schon alles geregelt.

Knippertz: Läuft schon.

Leonhardt: Ja. Die hatten eine Anlaufstelle, die hatten sich um Waschmaschinen gekümmert, die haben untereinander das mit den Duschen geregelt. Und das ist natürlich ein Zusammenhalt, der ist ganz toll. Zwei Wochen ungefähr nach der Katastrophe bin ich durch die Fußgängerzone gegangen und da gab es ein Eiscafé und das war eigentlich auch betroffen, hatte aber schon so ein bisschen wieder auf. Und dann habe ich dann gesagt, ihr habt ja schon wieder auf. Dann hat der gesagt, ja, es muss ja weitergehen, wir müssen ja gucken, dass es hier vorangeht, und ich möchte den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Und die waren selber hoch betroffen und haben trotzdem gesagt, wir machen das. Und da geht es auch nicht um finanzielle Fragen, weil ob man da jetzt 100 Kugeln Eis am Tag verkauft oder nicht, macht keinen Unterschied, sondern die haben aufgemacht, um zu sagen, ja, wir sind da und Eschweiler ist da. Und das fand ich, also hat mir persönlich sehr viel Mut gemacht.

Knippertz: Also Eschweiler ist gewappnet für Herausforderungen, die jetzt auch – Stichwort „Strukturwandel″ – wieder anstehen. Bevor wir darüber noch mehr reden, würde ich sagen, wir spielen eine kleine, schnelle Runde, die wir hier in unserem Podcast immer gerne einführen. Die heißt „Kurz, kurz und knackig″.

Leonhardt: Okay.

Knippertz: Drei Fragen, die die Welt wahrscheinlich nicht verändern werden, aber vielleicht doch ganz interessant sind. Und Sie haben einen Joker, bedeutet, bei einer Frage können Sie gerne auch ein bisschen ausführlicher antworten.

Leonhardt: Alles klar!

Leonhardt: Quiz-Musik

Knippertz: Wenn Sie nicht in Eschweiler leben würden, an welchem Ort würden Sie dann gern leben?

Leonhardt: Ich glaube, ich würde dann ganz gerne an sehr, sehr vielen verschiedenen Orten leben. Ich war immer interessiert an anderen Kulturen und an anderen Menschen. Wenn ich mir nur einen aussuchen dürfte, dann wäre das das Meer. Irgendwo am Meer.

Knippertz: Ein Werk aus der Kunst, ein Buch, ein Film, das prägend für sie war.

Leonhardt: „1984″ von George Orwell als düstere Zukunftsvision, wie man es nicht machen sollte. Es hat mich wirklich sehr geprägt, weil aus meiner Sicht es immer wichtig ist – das ist jetzt mein Joker übrigens – weil es aus meiner Sicht ganz einfach wichtig ist, sich immer Gedanken darüber zu machen, wie möchten wir zusammenleben. Und das hat nie einen Endpunkt. Und wenn man nicht aufpasst, dann kann sich das auch immer wieder in Richtungen entwickeln, die für die Menschen nachteilig sind. Und ich finde, das zeigt dieses Buch ganz außergewöhnlich. Und deswegen finde ich das auch immer wichtig, sich einzusetzen und sich auch für die Demokratie einzusetzen und für unser Zusammenleben und ja nicht die Hände in den Schoß zu legen und lethargisch zu werden und zu sagen, das läuft schon alles irgendwie. Wir sind nicht am Ende der Geschichte, sondern wir wollen ja sozusagen jetzt auch in die Zukunft gehen. Und es gibt so viele Herausforderungen, die wir haben. Aber es bringt ja nichts, immer zu sagen, ja das ist alles ganz schwierig und wir schaffen das sowieso nicht, sondern es wird ja so oder so weitergehen. Also warum wollen wir es dann nicht gestalten?

Knippertz: Dritte Frage bei „Kurz, kurz und knackig″. Welche an sich eigentlich schon abgelöste Technik nutzen Sie vielleicht noch immer mit Freude?

Leonhardt: Keine.

Knippertz: Das war kurz.

Knippertz: Quiz-Musik Ende

Knippertz: Wir wollen natürlich ja auch über den Strukturwandel sprechen im Rheinischen Revier. Und inwieweit können Sie das einordnen? Inwieweit ist Eschweiler denn da schon betroffen?

Leonhardt: Ja, ich glaube, Strukturwandel ist in Eschweiler ein immer schon oder war Jahrzehnte schon ein großes Thema. Ich habe ja eben schon ganz kurz angerissen, das Ende der Steinkohle. Wenn man jetzt überlegt, wie lang Steinkohle in Eschweiler gefördert worden ist und dann 1945 ist das sozusagen eingestellt worden, wie sehr die Steinkohle aber diese Stadt geprägt hat, dann ist das ja auch ein vorgezogener Wandel, den zum Beispiel andere Regionen schon hatten. Dann jetzt die Braunkohle ist ja das zweite große Thema. Also man muss sagen, Eschweiler ist praktisch schon Jahrzehnte im Strukturwandel. Wir hatten Schwerindustrie über sehr lange Zeit, auch die ist jetzt sozusagen eigentlich… Wir hatten mit dem Röhrenwerk, das ist das letzte größere Industrie-Röhrenwerk, also Schwerindustrie-Werk in Eschweiler gewesen, das aus dieser Gründerzeit stammt, das hat jetzt auch die Pforten geschlossen. Und von daher sind wir schon seit Jahrzehnten im Strukturwandel und müssen das auch sein, weil wir natürlich auch sehen müssen, dass wir unsere Stadt weiter voranbringen. Also das ist kein Thema, das in Eschweiler erst seit drei oder vier Jahren da ist, sondern auch mein Vorgänger als Bürgermeister hat das auch sehr nach vorne getrieben und das ist auch richtig so.

Knippertz: Auch da muss man gucken, was hinterlassen wir den Jüngeren?

Leonhardt: Absolut. Und wo ist die Basis, auf der auch Jüngere dann die Stadt später entwickeln können?

Knippertz: Und wie wollen Sie als Bürgermeisterin das persönlich vorantreiben? Was treibt Sie da und wie?

Leonhardt: Also, was ich wichtig finde, ist oder, was ich sehr interessant finde, ist, für unsere Stadt, ist, dass wir eigentlich einen Ansatz haben, dass wir sagen, wir gehen erstens mal diese ganzen Dinge an ohne Ideologie. Das heißt, ich finde es schwierig, die Auseinandersetzung, die es auch in den letzten Jahren auch in der Gesellschaft gab, wo ja immer Seiten aufgemacht werden, die eine Seite, die andere Seite, ich sage jetzt mal, wer in einem Braunkohlekraftwerk arbeitet, der hat angeblich keinen Sinn für die Umwelt oder andersherum. Ich glaube, dass man es sich an diesen Stellen zu einfach macht. Wir haben als Eschweiler immer gesagt, wir wollen, ja wir sind natürlich eine Stadt, in der es industrielle Erzeugung gibt, auch von fossiler Energie. Aber wir wollen natürlich auch in die Zukunft schauen. Und wir sehen auch, dass es eine gesellschaftliche Entwicklung gibt, die ganz anders ist und haben uns deswegen auch schon aufgemacht und wir sind zum Beispiel nachhaltigste Kommune in Deutschland, also haben wir dafür einen Preis bekommen. Wir haben Baugebiete nach Faktor X gebaut.

Knippertz: Nachhaltigste Kommune?

Leonhardt: Ja.

Knippertz: Wie wird man das?

Leonhardt: Das war ein Preisverfahren, an dem Eschweiler teilgenommen hat mit seinen zahlreichen Projekten im Bereich der Nachhaltigkeit. Und ja, da hat die Jury sich damals für uns entschieden, weil wir wirklich an vielen Punkten versuchen, das Thema Nachhaltigkeit voranzubringen.

Knippertz: Aber wo zum Beispiel genau?

Leonhardt: Ich kann da zum Beispiel nennen unsere Baugebiete. Wir haben also zwei Baugebiete, nach denen nach Faktor X gebaut wird. Das heißt ressourcen… nicht nur ressourcenschonend, sondern wir versuchen wirklich auch, den gesamten Kreislauf von Baustoffen im Kopf zu behalten und zu sagen, wir denken nicht nur an den Bau selbst, sondern auch an das Ende. Und dieses Konzept berücksichtigt, dass das also auch direkt so gebaut wird, dass wir also ressourcenschonend in einem größeren Kontext bauen. Wir versuchen aber auch in, ich sage mal, auch im sozialen Bereich – ich habe ja eben gesagt, Eschweiler ist eine sehr soziale Stadt – immer wieder das Konzept der Nachhaltigkeit da reinzubringt. Wir haben jetzt in Planung zwei Industriegebiete, die wir nachhaltig aufstellen wollen, auch nach Faktor X. Das heißt, wir werden da demnächst Firmen ansiedeln, die auch mit Nachhaltigkeit arbeiten. Wir haben zum Beispiel jetzt eine Ausgliederung oder neu einen Sitz von Babor. Das ist die nachhaltigste Kosmetikfabrik in der Welt.

Knippertz: Der Welt?

Leonhardt: Ja. Die haben sich sozusagen aufgemacht, die wollen auch mit Wasserstoff arbeiten. Also, wir sind da an vielen Bereichen schon wirklich, wie ich finde, sehr gut unterwegs und für uns ist das kein Gegensatz. Das finde ich immer wichtig. Also ich kann das auch am Thema Radfahren festmachen. Ich glaube, zum Beispiel – es ist jetzt vielleicht ganz schräg, dass das jetzt so reinkommt – aber man muss einfach sagen, ich kann natürlich Menschen Vorträge darüber halten, wie wichtig es ist, auf andere Formen der Mobilität auszuweichen. Ich kann aber auch einfach sagen, lasst uns doch die Freude am Radfahren ein bisschen steigern. Lasst uns doch in die Innenstadt, ich sage jetzt mal Möglichkeiten zu setzen – haben wir noch nicht, würden wir gerne haben demnächst – unser Fahrrad da zu parken. Ich glaube, dann machen viele Menschen das von selbst und den Menschen das einfach zuzutrauen und sie nicht zu belehren, ich glaube, das ist so mit das Wichtigste. Und ich glaube, das ist auch so ein bisschen unser Ansatz, dass wir sagen, wir wollen gemeinsam da vorankommen und wir wollen nicht in Gegensätze gehen. Wir können gleichzeitig Nachhaltigkeit, nachhaltig sein und sagen, wir haben noch ein Braunkohlekraftwerk. Das schließt sich für mich nicht aus.

Knippertz: Stichwort „Kosmetik“, „nachhaltig“. Ich habe jetzt angefangen, mir so festes Shampoo zu holen, damit ich keine Plastikflaschen mehr habe und jedes Mal beim Duschen habe ich ein besseres Gewissen, muss ich sagen. Gehe jetzt den nächsten Step demnächst, also keinen Rasierschaum mehr mit Treibmittel, sondern wieder den guten alten Rasierpinsel, aber nicht mit Plastik-Ding, sondern mit Holz, also und fahre aber trotzdem noch Auto, muss ich gestehen. Man muss ja vielleicht nicht alleine auf einmal die Welt verändern.

Leonhardt: Und ich glaube, man kann auch da anfangen, wo man sagt, da ist es jetzt erst mal kompatibel und trifft sich vielleicht nochmal mit anderen Sachen und es dann einfach ausweiten. Und wie gesagt, unsere Erfahrung ist, dass das wirklich sehr, sehr gut funktioniert und dass sich das überhaupt nicht ausschließt. Und das, glaube ich, ist nochmal ein Ansatz, der für Eschweiler etwas Besonderes ist.

Knippertz: Und an dieser Stelle muss ich einmal erklären und einmal spoilern, wenn Ihr und Sie, liebe Podcast-Hörerinnen und Hörer, hier ab und zu so ein dumpfes Ploppen hört, das liegt daran, dass Nadine Leonhardt sehr, sehr lebhaft erzählt.

Leonhardt: Achso!

Knippertz: Nee, das ist ja gut. Lebhaft, lebhaft ist ja immer gut. Und ein zweites Mal spoilern… Faktor X. Auch das wird ein großes Thema sein. Ich habe hier noch als großes Thema stehen „Change Factory, Eschweiler“. Das schmeiße ich jetzt einfach mal Ihnen da so hin. Was ist das?

Leonhardt: Ja, die Change Factory ist eigentlich, ich hatte ja eben kurz so Industriegebiete angesprochen, unsere Idee auch zu sagen, wir verbinden einmal das nachhaltige Bauen, weil so soll sie auch entstehen, mit den neuen Herausforderungen, die natürlich die Zukunft bringt. Ich habe eben gesagt, Eschweiler ist eine Stadt, die aus dem Bergbau kommt, Eschweiler hat eine Stadt, die Schwerindustrie und Industrialisierung hinter sich hat. Und wir wollen natürlich jetzt auch bei den anderen oder bei den neuen Formen der Industrialisierung nach vorne gehen. Im Kern ist es eine Idee zu sagen, wir bauen einen Ort, an dem angewendet werden kann und Prototypen entwickelt werden können, zum Thema Kreislauf, also Kunststoff-Kreislauf, der recycelt werden soll, aber auch zum Beispiel Labore, wo Start-up-Unternehmen wirklich auch mal unter Laborbedingungen Prototypen ausprobieren können. Also wirklich in die Anwendungsbezogenheit gehen und dann auch so etwas wie Co-Working-Spaces auch noch da dran zu setzen, um zu sagen, okay, wir wollen Dinge entwickeln, wir wollen auch Firmen und der Industrie die Möglichkeit geben, das hier zu versuchen. Und wir machen das nicht irgendwo, sondern wir machen das im Herzen der Stadt, weil wir können das sozusagen da ermöglichen. Wir wollen, dass es vorangeht. Wir wollen keine, ja keine Grundlagenforschung machen, sondern wir wollen in den Anwendungsbezug gehen. Also wir haben die Industrieansiedlung, um dann auch die Möglichkeit zu geben, dass man dazu dann auch die passende Firma oder Fabrik aufbauen kann.

Knippertz: Aber im Herzen der Stadt Industrieansiedlung stell ich mir jetzt persönlich schwierig vor. Wie… Was ist denn da jetzt?

Leonhardt: Jetzt im Moment ist das ein alter Schlachthof, der nicht mehr benutzt wird. Es ist auch direkt an der Inde. Also es ist eigentlich wie gesagt in einem sehr, sehr schönen Bereich. Und ja, da werden wir jetzt entsprechend Hallen zur Verfügung stellen, Anlagen, Labore, das möchten wir gerne bauen, um dann die Möglichkeit zu geben, dass das als Zentrum genutzt wird für die neue Industrie.

Knippertz: Gibt es da vielleicht auch Sorgen der einzelnen Menschen in Eschweiler, dass sie denken, oh… mitten in der Stadt Industrie?

Leonhardt: Ja es ist nicht Industrie, sondern es sind praktisch nur die anwendungsbezogenen Formen. Also wir werden Labore entwickeln oder Ähnliches.

Knippertz: Achso.

Leonhardt: Ich glaube, es ist eher wichtig für die Menschen, dann zu verstehen, dass das ja etwas ist, was wirklich auch die Stadt voranbringt. Ich habe ja eben gesagt, Eschweiler ist kein Vorort von Aachen. Wir haben natürlich in Aachen hervorragende Universitäten. Ich habe ja selbst an einer Fachhochschule gearbeitet und ich habe da auch absolut Hochachtung, wie da geforscht wird. Aber die Frage ist ja, wie können wir uns da als Stadt positionieren. Und ich glaube, der Anwendungsbezug, der ist an dieser Stelle ganz wichtig und dafür steht die Change Factory, weil ich glaube, dass das ein Bereich ist, der noch nicht abgedeckt ist und den wir als Eschweiler ganz besonders gut dann abdecken können mit unseren Erfahrungen, was Industrie betrifft und ja auch unserem Bedarf an Arbeitsplätzen, der in den nächsten Jahren entstehen wird.

Knippertz: Da muss man als Stadt natürlich an sich denken, aber wahrscheinlich muss man auch so ein bisschen an die anderen Kommunen, weiß ich nicht, ob man da denken muss, aber zumindest mal schauen. Funktioniert da die Zusammenarbeit oder guckt da die eine ein bisschen neidischer auf die andere?

Leonhardt: Also ich finde, die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut bei uns in der Städteregion. Wir sprechen uns natürlich auch in vielen Dingen ab. Wie das immer so ist, hat man aber auch nicht immer eine Meinung. Ich finde, das ist aber auch richtig so. Und man muss sich dann wirklich auch gut koordinieren und sehen, was ist möglich und wie können wir dann bestimmte Bereiche dann zum Beispiel auch zusammen entwickeln. Man muss auch ehrlich sein als Stadt, wenn man sagt, das übersteigt zum Beispiel im Moment das, was wir leisten können. Als kleinere Stadt da muss man sich natürlich dann schon Unterstützung holen oder auch Partner ins Boot holen. Es gibt aber auch andere Bereiche, da können wir als Eschweiler alleine vorangehen. Das ist, glaube ich, wichtig, dass man vor allen Dingen immer die anderen im Blick hält und dass die uns im Blick halten. Und das funktioniert im Moment ganz gut.

Knippertz: Und was braucht es jetzt für Sie persönlich in der Lokalpolitik, um den Strukturwandel zum Erfolg zu machen?

Leonhardt: Ich glaube, was wir vor allen Dingen brauchen, ist der Blick auf mittel- und langfristige Folgen. Ich glaube, wir müssen im Blick halten, was es bedeutet, wenn jetzt bei uns die Braunkohle auch gehen wird. Wir müssen im Blick halten, wie wir jetzt diese Stadt aufstellen möchten. Und damit dürfen wir nicht nur auf die nächsten Monate gucken oder auf die nächsten zwei Jahre, sondern wir müssen da langfristiger denken. Das ist nicht immer so einfach, gerade auch, weil auch viele Bürgerinnen und Bürger vielleicht auch schnelle Erfolge erwarten. Die erwarten auch schnelle Umsetzungen und vermuten vielleicht hinter mittel- und langfristigen Konzepten eher ein Ausweichverhalten auch der Politik. Und ich glaube, da ist es wichtig, dass man dann dafür wirbt und sagt, Leute, das, was wir hier machen, das ist wichtig für die Zukunft und wir machen das zusammen und das wird sich in zehn Jahren auszahlen oder in 20 vielleicht sogar erst.

Knippertz: Eschweiler als Karnevalshochburg habe ich eben gehört. Was ruft man da?

Leonhardt: In Eschweiler ruft man immer Alaaf, aber es gibt noch…

Knippertz: Immer?

Leonhardt: Niemals Helau! Also das ist, glaube ich, schon mal ganz wichtig. In Eschweiler beginnt der Karneval wirklich im November und der geht durch, kurz unterbrochen von Weihnachten. Also von daher hat, glaube ich, jeder Eschweiler verschiedenste Kostüme. Ich kenne Eschweiler, die nicht nur eine Kiste haben, sondern ganze Räume in denen Kostüme sind. Also da hat es keinen… ist kein Ende des Bedarfs.

Leonhardt: Musik

Knippertz: Und sie waren länger in Trier, sind dann aber wieder zurückgekommen in die Region. Warum?

Leonhardt: Es war eigentlich nie eine Frage. Ich habe mich in Trier sehr wohlgefühlt, es ist ja auch ein schönes Städtchen. Aber gerade, was ich eben gesagt hatte, die Lebensart und Ähnliches, da ist es eigentlich am schönsten, wie ich finde, hier bei uns im Rheinland. Und ich fand es immer früher schade, wenn ich von Trier mal zum Beispiel nach Norddeutschland gefahren bin mit dem Zug und man kommt durch Köln und man kommt durch das Rheinland und der Schaffner kommentiert halt ganz anders im Zug sowohl die Fahrkarten als auch, wo man gerade lang fährt. Und ja, das finde ich etwas ganz Besonderes. Und ich finde auch hanseatische Zurückhaltung interessant, aber da auf Dauer, so glaube ich, zu leben, das wäre für mich, glaube ich, nicht einfach und würde ich auch, glaube ich, nicht anstreben wollen. Also da ist schon Eschweiler etwas ganz Besonderes und auch die Region, in der wir da leben.

Leonhardt: Musik

Knippertz: Vielen, vielen Dank für die Offenheit. Und am Ende frage ich immer ganz gerne nach der großen persönlichen Vision, vor allem was das Rheinische Revier betrifft. Wo, wenn Sie in die Zukunft schauen, sehen Sie das Rheinische Revier Zweitausend…, sagen wir mal 2040.

Leonhardt: Ich finde es schön, wenn das Rheinische Revier ein Ort wäre, wo man arbeiten könnte nach wie vor. Ich glaube, das ist ganz wichtig. ..Wo es viele Städte gibt, die ihre lokale Prägung erhalten können und wo es gleichzeitig aber auch den Blick über den Tellerrand gibt, wo man zusammenarbeitet und an das große Ganze denkt. ..Dass es eine Region ist, die stolz auf ihre Geschichte ist, ohne, ich sag jetzt mal, sich in der Geschichte zu vergessen, sondern die in die Zukunft gesehen hat und die da vielleicht in bestimmten Bereichen sogar Vorbild ist.

Knippertz: Da bedanke ich mich ganz herzlich nochmal bei der Bürgermeisterin der Stadt Eschweiler, die mehr ist, als das, Nadine Leonhardt.

Leonhardt: Ja, ich danke sehr für den heutigen Podcast. Ich habe eben schon gesagt, es war mein erster Podcast. Hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Ich kann nur sagen, wenn Sie sich für Eschweiler interessieren, klicken Sie auf die Homepage. Aber schreiben Sie uns auch gerne eine E-Mail oder Ähnliches. Ziehen Sie nach Eschweiler. Es ist sehr schön dort.

Knippertz: Okay, mache ich. Tschüss.

Knippertz: Musik

Knippertz: Und ein dickes, fettes Dankeschön auch an Euch, an Sie, dass Ihr dabei wart bei „Revier Geschichten - Dein Podcast zum Rheinischen Revier″. Ich hoffe, es hat Spaß gemacht beim Zuhören, ihr habt einiges erfahren, seid vielleicht sogar ein bisschen inspiriert, selbst anzupacken, mitzugestalten. In der nächsten Folge, die kommt ja in einem Monat…

Dosch: Wir haben ja im Rheinischen Revier eine Riesenherausforderung vor uns. Ich sage immer so flapsig, München kann sich warm anziehen, wenn das Rheinische Revier erst mal ordentlich beschleunigt hat. Da wollen also ganz viele Leute hinziehen.

Knippertz: Bis dahin sage ich Tschüss, byebye, olé, olé! Thorsten Knippertz sagt Ciao!

Knippertz: Musik

 

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Zwei Städte, zwei Länder, gemeinsam klimaneutral

„Klimaschutz macht nicht an der Landesgrenze halt“, sagt Benjamin Fadavian, Bürgermeister von Herzogenrath. „Die Menschen wollen, dass wir unseren Aufgaben gerecht werden und das können wir nur machen, wenn wir zusammenarbeiten und aufeinander hören“, ergänzt seine niederländische Amtskollegin, Petra Dassen-Housen aus Kerkrade. Im Gespräch mit Moderator Torsten Knippertz erzählen sie, wie das in der Praxis funktioniert.

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Aus Katzem zu den Höhnern

Bei der Kölner Kultband Höhner steht er am Keyboard. In unserem Podcast spricht Micki Schläger mit Moderator Torsten Knippertz über seine Kindheit in Katzem. Das überschaubare Dorf gehört zu Erkelenz. Hier hat Schläger seine Wurzeln, hier lebt seine Familie und hier hat er eine Musikschule. Obwohl er inzwischen in Köln lebt, ist er regelmäßig in Katzem. „Ich bin immer wieder gerne in Erkelenz und das wird auch immer meine Heimat bleiben.“

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Sein Arbeitsplatz ist 100 Meter hoch und 200 Meter lang. Al Mahidi Zerouali kontrolliert im Tagebau Hambach den größten Bagger der Welt. Der 27-Jährige ist Großgeräteführer, wie es im Fachjargon heißt und als Schichtleiter Vorgesetzter von 20 Mitarbeitenden. Im Podcast mit Torsten Knippertz erklärt er den Unterschied zwischen Absetzer und Bagger, erzählt von Bombenfunden und davon, wie er sich die Zukunft ohne Braunkohletagebau vorstellt.

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Das Indeland - Zukunft am See

Die Entstehung des Indesees liegt in der Zukunft. Schon seit 2006 beschäftigt sich die Entwicklungsgesellschaft Indeland  mit der Neugestaltung der Landschaft rund um den Braunkohle-Tageabbau Inden.  „Meine Aufgabe ist es, die Leute von der Couch zu kitzeln“, sagt Svenja Zeimetz.  Moderator Torsten Knippertz spricht mit der Partizipationsmanagerin darüber, wie sich die Menschen aktiv an der Gestaltung ihrer Region beteiligen können.

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Mobilität soll Spaß machen!

Pünktlich zum Start des 49-Euro-Tickets spricht Moderator Torsten Knippertz mit der Aachener Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen. Sie hat sich nichts weniger als eine Mobilitätswende für Aachen auf die Fahnen geschrieben. Dafür braucht es attraktive Angebote für alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer, wie neue Straßenbahnen, Radschnellwege ins Zentrum und eine verkehrsberuhigte Innenstadt mit Premiumfußwegen und Raum für Begegnungen.

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Johanna und Burkhard Liesen betreiben bei Düren mit Begeisterung Landwirtschaft. Sie setzen dabei auf Vielfältigkeit. Zusammen mit dem Forschungszentrum Jülich experimentieren sie mit verschiedenen Kulturen, um die Tagebau-Abbruchhänge zu befestigen.

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KI hilft beim Recyceln von Plastik

Plastik wird doch gesammelt und reycelt, oder?  Ganz so einfach ist das leider nicht. Allerdings kann künstliche Intelligenz dabei helfen, in Zukunft Abfallberge zu verringern. Darüber spricht Moderator Torsten Knippertz mit Alina Ott, Managerin des Projekts „R-Cycle“.

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2030 - das Ende des Tagebaus Garzweiler ist in Sicht. Aber was kommt danach? „Es ist eine ganz tolle Aufgabe für alle, so eine Zukunft neu zu denken“, findet Volker Mielchen vom Zweckverband Landfolge Garzweiler. Im Podcast spricht er über die Pläne und Chancen für die Region.

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Voltfang:
Batterie-Recycling

Acht bis zehn Jahre ist die durchschnittliche Lebensdauer einer E-Auto-Batterie. „Im zweiten Leben kann sie noch weitere acht bis 15 Jahre genutzt werden“, sagt Afshin Doostdar. Gemeinsam mit zwei Freunden gründete er vor vier Jahren in Aachen  die Firma Voltfang.

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Schloss Türnich:
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Schloss Türnich bei Kerpen ist ein beliebtes Ausflugsziel im Rheinischen Revier. Doch das ist nicht alles. Graf Severin von und zu Hoensbroech:  „Wir wollen zeigen, dass wir Landwirtschaft auch machen können, ohne dabei versehentlich den Planeten kaputt zu machen.“

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Gast

Nadine Leonhardt
Bürgermeisterin der Stadt Eschweiler

Moderator

Torsten Knippertz

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